Regeln der alltäglichen Kommunikation

 

Vorwort

Die Rhetorik und ihre Nachfolgerin, die Stilistik, haben sich mit der ars bene dicendi beschäftigt, d.h. mit der Kunst, sich gut, schön und effektiv auszudrücken. Diese Kunst steht selbstverständlich in einem gewissen Verhältnis zu der Natur. Man hat rhetorische und poetische Strukturen im Verhältnis zu den Strukturen der alltäglichen, normalen Kommunikation sekundär genannt. Diese sekundären, kommunikativen Strukturen haben - in der Rhetorik, Stilistik, Poetik, Hermeneutik - im Vergleich zu den primären ein enormes Interesse der Wissenschaft erweckt. Erst in den letzten Jahren haben sich auch die Sprachwissenschaftler wieder mit Kommunikationsproblemen beschäftigt. In dem Augenblick, wo das geschah, öffneten sich neue Perspektiven für Stilistik und Rhetorik, denn erst im Vergleich mit der Natur können die Regeln der Kunst richtig verstanden werden.
Moderne Sprachphilosophen haben untersucht, was überhaupt gesagt wird; wie sich dieses Gesagte zu dem Verstandenen verhält; durch welche Manipulationen des Stils sich das Verstandene verändert. Es wird hier der Versuch unternommen, einige der wichtigeren Ergebnisse der Sprachphilosophie mit der Rhetorik und Stilistik zu verbinden, um einen methodischen Ausgangspunkt für die Stilanalyse zu liefern. Als Beispiel habe ich eine Kurzgeschichte des schwedischen Verfassers Pär Lagerkvist gewählt (Text siehe Anhang).

Erste Vorbemerkung: Abweichung als stilistisches Merkmal

Auch wenn wir Stil nicht als Abweichung definieren wollen - oder vielmehr können­ kann eine Abweichung von einer gewissen Norm heuristisch als stilistisches Merkmal bezeichnet werden (Spillner, 1974, S. 40). In der modernen Sprachphilosophie hat man Regelstrukturen für die normale Konversation entdeckt, die sich nicht nur für die Stilistik, sondern auch für die Psychologie, die Sozialanthropologie, die Soziologie und die Linguistik als von größtem Interesse erwiesen haben. Obwohl diese Probleme seit langem in der philosophischen Literatur behandelt wurden, werden sie erst jetzt auch von Linguisten systematisch bearbeitet. Wahrscheinlich beruht das darauf, dal3 man die Grenzen der Linguistik nach und nach erweitert hat und dal3 man heute auch von einer pragmatischen Linguistik spricht. Daher kommt auch das in vielen Ländern wieder erwachte Interesse an der Rhetorik, das für die Stilistik von größter Bedeutung ist, da sie den Text im Prozess der Kommunikation untersucht. Ich will in diesem Aufsatz versuchen, einige der m. E. wichtigsten kommunikativen Regeln, die in verschiedenen Quellen besprochen werden, kurz zu systematisieren und zu zeigen, wie man sie für eine Stilanalyse benutzen könnte.
Unter den verschiedenen philosophischen Ansätzen hat in den letzten Jahren vor allem ein kurzer und keineswegs vollständiger Aufsatz von H. Paul Grice großes Aufsehen erweckt. Er trägt den Titel "Logic and Conversation" und behandelt besonders die Implikationen, d. h. das, was nicht im Text steht, aber mit Hilfe des Textes und der Regeln der Interpretation verstanden wird. Für den Stilistiker ist besonders wichtig, dal3 Grice in diesem Zusammenhang die Art des Sagens so stark betont: Die Implikatur geht nicht aus dem Gesagten hervor, sondern aus dem Sagen was gesagt wird, oder daraus, wie es gesagt wird" ("The implicature is not carried by what is said, but only by the saying of what is said, or by ,putting it that way"'; Grice, 1975, S. 58.)

"Putting it that way" könnten wir sicher alle als Umschreibung für Stil akzeptieren. Daher sind die Untersuchungen von Grice und seinen Kollegen über die Verwendung und den Gebrauch der Sprache von größter Wichtigkeit für die Stilistik.

Zweite Vorbemerkung: Der Text als Gegenstandsbereich der Stilanalyse

Nehmen wir an , der Gegenstand de r Stilanalyse ist de r Text . Eine Definition von Text scheint auf den ersten Blick unproblematisch: der Text könnte objektiv als Schallwellen oder als Buchstaben auf Papier gegeben sein. Bedenken wir aber, daß wir vieles mitverstehen, was im Text selbst nicht gesagt wird, dann ergibt sich das Problem, was eigentlich unter Text zu verstehen sei. Als Text kann nämlich aufgefaßt werden:

(1) der Text als Intention des Verfassers oder Sprechers;
(2) der manifest existente Text als physisches Objekt, der von Auge oder Ohr auf
genommen und dann interpretiert wird, d. h. das, was üblicherweise mit Text
bezeichnet wird;
(3) der Text als interpretierter Sinn, d. h. der Leser- oder Hörertext.

In der idealen Kommunikation entsprechen sich ( 1 ) und (3); ideale Kommunikation ist allerdings selten.

Über Text als Intention kann nur indirekt ausgesagt werden, nämlich via (2) und (3). Ohne Interpretation bleibt der Text ein Ding an sich, das scheinbar - aber notabene eben nur scheinbar! - in der physikalischen Objektwelt existiert. Die Träger der Bedeutung des Textes, d. h. vor allem die Wörter, haben auf dieser Ebene zwar eine lexikalische Bedeutung, aber sie haben keinen Sinn.

Wörter bedeuten nicht nur, was im Lexikon steht; Wörter bedeuten manchmal mehr, manchmal weniger, manchmal das Gegenteil, manchmal etwas ganz anderes. In Kombination bedeuten Wörter anders als in Isolation. Wörter haben Stellenwerte, die in verschiedenen Zusammenhängen verschieden sind (Spillner, 1974, S. 102).
Der schwedische Philosoph Erik Ryding (1971) hat in einer Bemerkung über die Verschiedenartigkeit des Sinns eines Wortes wie Gerechtigkeit den drastischen Vergleich gemacht, daß es ebenso unsinnig wäre, einem Wort einen ein für alle Mal gültigen Sinn zuzuschreiben wie zu behaupten, das algebraische x hätte eigentlich den Wert 8 - nur könnte dieser in verschiedenen Gleichungen variieren!
Obgleich der Vergleich hinkt, klebt doch etwas von Unsinn an der sogenannten objektiven oder manifesten Inhaltsanalyse. Allerdings besteht zwischen der lexikalischen Bedeutung eines Wortes und seinem Sinn in einem gegebenen Kontext ein zu bestimmendes Verhältnis (was in dem algebraischen Beispiel nicht der Fall ist). Der okkasionelle Sinn eines Wortes ist nämlich von der usuellen Bedeutung keineswegs unabhängig. Eine Aufgabe der theoretischen Stilistik [oder vielmehr Semantik] wäre es, dieses Verhältnis aufzudecken und generelle Strategien des Verstehens zu etablieren.
Diese Aufgabe wird dadurch kompliziert, daß das Verhältnis zwischen einerseits dem im Text manifest vorhandenen und andererseits dem intendierten und verstandenen Inhalt dieses Textes dem Verhältnis zwischen dem, was man von einem Eisberg sieht, und seiner wirklichen Größe gleicht. Zwischen dem manifesten Text und seinem Sinn besteht also sowohl ein qualitativer wie auch ein quantitativer Unterschied.
Es ist deswegen kein Wunder, daß wir uns oft nicht sehr gut miteinander verständigen können - eher scheint es ein Wunder zu sein, daß eine Verständigung überhaupt je gelingt. Als "Wunder" erscheint dies auch in manchen Interpretationslehren, vor allem in solchen, die das sprachliche Kunstwerk betreffen, d. h. Texte, bei denen die kommunikative Intention eine andere ist als im Alltagsleben.
Man kann mit Recht behaupten, daß die sogenannte Aporie der literarischen Interpretation u. a. daher rührt, daß man Interpretation an den allerschwersten Texten geübt hat, ohne zuerst die allgemeinen Strategien des Verstehens und des Sichverständigens erforscht zu haben. Frenetisch hat man versucht, zwischen dem objektiv gegebenen Text und dem Sinn des Textes Brücken zu schlagen - in verschiedenen Ländern allerdings verschieden frenetisch. In Schweden hat man, mit gewisser Anlehnung an die USA, quantitativ-statistische Versuche gemacht, den Inhalt eines Textes zu messen, Versuche, die naturgemäß daran scheitern mußten, daß der Sinn eines Texts erst in dem dynamischen Wechselverhältnis einer Kommunikationssituation entstebt.
Der Schritt von der systemimmanenten Semantik - die über die lexikalische Bedeutung der einzelnen Wörter Bescheid geben kann - zu einer pragmatischen Ebene die im Unterschied von Bedeutung den Sinn der Wörter, Sätze und des ganzen Textes untersucht, wurde von gewissen Linguisten als so gewaltsam empfunden, daß man die Frage nach dem Sinn mit einem "non possumus" ablehnte und die Lösungsversuche anderer als "unwissenschaftlich" abtat.
Was aber bleibt dem Stilistiker übrig, wenn er von dem Sinn des Textes, aus lauter Furcht, nicht wissenschaftlich genug vorgehen zu können, überhaupt nicht reden dürfte? Wahrscheinlich nicht viel Interessantes! Und andererseits: Wie soll der Schritt unternommen werden? Gibt es keine Strategien der Interpretation? Was ist eigentlich das Fingerspitzengefühl, das Geisteswissenschaftler wie Spitzer und Staiger als Werkzeug anbefohlen? Wie sieht es aus? Wie kann man es lernen? Um eine Interpretation zu erklären, ist ein allgemeines Verweisen auf Diltheys "Zirkel des Verstehens" ungenügend. Auch ist es kein besonders haltbares Argument, wenn man, wie es Spitzer in seiner bekannten Arbeit Linguistics and Literary History ( 1 948, S. 26f.) tut, auf "talent, experience, and faith" verweist. Zwar brauchen wir alle Talent, Erfahrung und Selbstvertrauen. Wenn aber unsere Interpretation in Frage gestellt wird, wird der Opponent von unserem Talent und unserer Erfahrung wahrscheinlich wenig halten. Und wie beweisen wir ihm, daß unser Talent das bessere ist?
Das Problem des Verhältnisses zwischen dem Ganzen - hier Text - und seinen Teilen - hier Wörter- ist kaum gelöst, obgleich wir es seit Platon kennen. In aller Kürze besteht das Problem für den Analytiker darin, daß die qualitative Analyse der Elemente eines Textes unmöglich ist, ohne den Text in seiner Totalität einzubeziehen, denn die Elemente bekommen ihren Stellenwert eben aus der Ganzheit. Und gleichzeitig ist natürlich - wie es Frege sagte - diese Ganzheit eine Funktion der Teile. Es hilft uns wenig, wenn Giganten des Erkennens sagen: "Alle Auslegung, die Verständnis beistellen soll, muß schon das Auszulegende verstanden haben [. . .] Das Entscheidende ist, nicht aus dem Zirkel heraus - sondern in ihn nach der rechten Weise hineinzukommen" (Heidegger 1927, S. 32).
Siehe hier den Knoten: "in rechter Weise" - das ist eben das Problem, vor dem wir jedesmal gleichermaßen betroffen dastehen.
Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu versuchen, generelle Strategien zu entwikkeln, die es uns ermöglichen , die "rechte Weise " zu finden . Dazu müssen wir untersuchen, wie Wörter und Sätze bedeuten und ihren Sinn bekommen und wie, d. h. nach welchen Regeln, wir das, was nicht gesagt wird, doch verstehen, also wie wir im allgemeinen und alltäglichen das Verhältnis zwischen der Spitze und dem Rest des semantischen Eisbergs herstellen.

Ad rem: Was wird gesagt? Was wird verstanden?
Die erste Regel, die für die folgenden ebenfalls maßgebend ist, behandelt die Frage, worüber überhaupt gesprochen wird, d. h. was gesagt werden soll, kann und darf. Die Hauptregel lautet hier:

1. Was gesagt wird, ist Ausnahme. Was nicht gesagt wird, ist normal, bekannt, konstant, "selbstverständlich"
Wir brauchen nicht lange nachzudenken, um einzusehen, daß diese Regel fundamental ist. Wir haben keine Zeit, alles zu erzählen. Schon aus diesem Grunde konzentrieren wir uns auf das, was wir in unserer Konversation für interessant und relevant halten. Wenn wir die Zeitung lesen oder Radio hören, können wir uns allen schlimmen Nachrichten zum Trotz, dennoch darüber freuen, daß das, was dort geschrieben beziehungsweise verlesen wird, immer noch Ausnahmen betrifft. Ein Briefträger wird, wenn er mittags nach Hause kommt, seiner Familie kaum berichten, daß er Post verteilt hat. Falls er es wirklich täte, würde man das so interpretieren, dies sei eine Ausnahme gewesen. Anekdoten geben gewöhnlich gute Beispiele ab: Es heißt von einem Kapitän, er hätte einmal ins Logbuch eingetragen: "Heute war der Steuermann betrunken." Als die Reihe an den Steuermann kam, das Logbuch zu führen, rächte er sich, indem er schrieb: "Heute war der Kapitän nüchtern". Aus der Implikation, daß dies eine Ausnahme zu sein scheint, können wir die Regel überprüfen: was gesagt wird, ist Ausnahme, also pflegt der Kapitän betrunken zu sein. Hier kann parenthetisch hinzugefügt werden, daß in dieser Regel wahrscheinlich die Ursache für eine große Zahl von Mißverständnissen zu suchen ist: sie entstehen dadurch, daß wir nämlich das Selbstverständliche nicht aussprechen. Was nämlich für den einen selbstverständlich ist, braucht dies keineswegs auch für den anderen zu sein.
Die Regel, daß wir annehmen, daß, wenn nicht ausdrücklich etwas anderes gesagt wird, sich alles konstant verhält, können wir am folgenden Beispiel überprüfen: wenn wir aus der Werbung erfahren, daß die größere Packung des Waschmittels XYZ um 20 % billiger geworden ist, würden wir uns ärgern, wenn es sich herausstellt, daß die Packung auch um 30% kleiner geworden ist. Wir würden uns mit Recht betrogen fühlen, obgleich nichts Unwahres gesagt wurde! (Daß wir normalerweise die Wahrheit sagen, ist übrigens eine sehr wichtige Regel, die im nächsten Abschnitt besprochen wird.)
Eine zweite Hauptregel lautet:
2. Was gesagt wird, ist für das Ziel der Kommunikation relevant
Da auch nicht alles gesagt werden kann, was unnormal, unbekannt oder inkonstant ist, kommt diese zweite Regel hinzu. Die Ziele der sprachlichen Kommunikation decken sich mit den Funktionen der Sprache wie sie zu erst Bühler (1934) formulierte und dann von Jakobson (1960) ergänzt worden sind, nämlich

Information (die Symbolfunktion)
Aufforderung (die Appell- oder Signalfunktion)
Ausdruck (die Symptom- oder Ausdrucksfunktion)
Kontakt (die phatische Funktion; nach Jakobson)
Genuß (die poetische Funktion; ebenda)9

Es sei bemerkt, daß wir jede sprachliche Äußerung in der gleichen Weise als relevant interpretieren wie wir andere Handlungen als rationell beurteilen. Wir interpretieren also die Äußerungen nach dem Ziel der Kommunikation, und das Ziel der Kommunikation nach den Äußerungen, wobei wir immer danach streben, dem Gesagten einen möglichst hohen Grad von Relevanz zuzuteilen.
Seit Bühler wissen wir, wie der Satz "Es regnet" verschiedene Funktionen bekommen kann: er kann unter Umständen nur zur Information über den Sachverhalt dienen, er kann als Signal dienen, einen Regenmantel anzuziehen, er kann Unbehagen des Sprechers über die Tatsache ausdrücken. Gesetzt den Fall, unser Nachbar in der Autobusschlange äußert den Satz, während wir beide im strömenden Regen warten, werden wir ihn erstens als Symptom, zweitens aber auch als Konversationseröffnung interpretieren. Für die Konversationseröffnung gilt die Regel, dal3 sie möglichst unkontroversiell und kontextuell relevant sein soll, damit ein Kanal gepeilt werden kann. Welche Funktion ein Satz bekommt, wird also vom Kontext und von den Umständen bestimmt. Es gibt zwar unendlich viele Umstände, aber da die Funktionen begrenzt sind, können wir trotzdem Interpretationsstrategien entwickeln. Soviel kann man schon aus Bühlers Sprachtheorie herauslesen. Was die moderne angelsächsische Philosophie dieser grundlegenden Theorie noch hinzufügt, ist, dal3 das Prinzip der Kooperation, die eine Voraussetzung für alle Kommunikation ist, auch bestimmt, wie Äul3erungen abgefal3t und verstanden werden. Nicht nur wird die Funktion einer beliebigen Äußerung aus dem Redezweck verstanden, sondern auch der Redezweck wird von den konkreten Ausdrücken aus interpretiert, und zwar unter der Voraussetzung, dal3 eine Äußerung immer irgendwie relevant sein mul3. Wenn der Sprecher offenbar keine Information vermitteln will, z. B. wenn wir das Vermittelte ebenso gut wissen wie er, werden wir den Redezweck anders interpretieren. (Es wäre übrigens interessant, empirisch festzustellen, ob die Funktionen nicht hierarchisch geordnet sind, d. h. ob wir nicht die Funktionen in einer gewissen Reihenfolge prüfen und evtl. verwerfen.)

2 a. Wie das Gesagte gesagt wird, ist für das Textganze - und damit auch für das Ziel der Kommunikation - relevant
Die Regel der Relevanz gilt auch auf einer niedrigeren Ebene. Sie regelt nämlich die dispositio, d. h. die Art, wie die Teile des Textes zusammengesetzt werden, und daher auch die Art, wie wir den Zusammenhang der Textelemente interpretieren. Die alte Regel der Disposition lautet: Was zusammen gehört, soll zusammen behandelt werden. Sie ist für die Interpretation von fundamentaler Bedeutung. Nach der Regel der Relevanz werden auch Verbindungen von Sätzen verstanden: wenn im Text zwei Sätze zusammen vorkommen, werden sie als wechselseitig füreinander relevant interpretiert. Das heißt, dal3 wir sie, wenn es überhaupt möglich ist, in einen Zusammenhang bringen. Nehmen wir als Beispiel
Karl ist nach Australien gezogen. Seine Freundin hat Schlu gemacht.
Auf der Textoberfläche besteht kein logischer Zusammenhang zwischen den beiden Sätzen. Die Tatsache aber, dal3 sie zusammen stehen, bringt uns zu der Vermutung, daB sie sich auch inhaltlich nahe ständen. Den Zusammenhang werden wir dann wohl kausal interpretieren:
a) . . . Deshalb hat seine Freundin. . . b) . . . weil seine Freundin. . .
Welche von diesen Interpretationen die wahrscheinlichere ist, hängt - wie so vieles andere! - vom Kontext ab. Falls die Sätze auf die Frage "Was ist aus Karls Freundin geworden?" eine Antwort darstellen, in der die Freundin topic oder Text-Zentrum ist, wäre vielleicht a) die nächstliegende Interpretation, obwohl b) nicht ausgeschlossen ist. Wenn aber ,Karl' Text-Zentrum ist ("Was ist aus Karl geworden?) dann ist die Interpretation b) die natürlichere. Wir verstehen also den zweiten Satz als Ursache des Inhalts des ersten, obwohl die Sätze in der umgekehrten zeitlichen Folge stehen.
Die Sprache verfügt über etliche Mittel, Zusammenhänge klar zu machen und unerwünschte Interpretationen zu verhindern. Außer den schon oben genannten Konjunktionen, kann ein bloßes und zwischen den Sätzen sie in eine zeitliche Folge bringen. Auch ein Wechsel der Zeitformen könnte den beabsichtigten Sinn klar machen. Wie so oft zeigt sich ein konstruierter Fall komplizierter als gewünscht; um das Prinzip zu beleuchten, daß wir Sätze, die in unmittelbarer Nähe vorkommen, als begrifflich-inhaltlich miteinander verbunden interpretieren, will ich deshalb auch ein authentisches Beispiel geben. In einem Handbuch einer schwedischen Versicherungsgesellschaft las ich vor kurzem folgendes:
Unsere Sitzungen sollen in einem möglichst harmonischen und entspannten Milieu stattfinden; man soll u. a. darauf achten, daß eine schwarze Tafel vorhanden ist.
Dadurch daß die schwarze Tafel hier als Voraussetzung oder Prerequisite eines harmonischen und entspannten Milieus dargestellt wird, entsteht ein komischer Effekt, der zeigt, welche Folgen die Regeln der Relevanz für die Regeln der rationellen Disposition hat: Was zusammen gehört, soll zusammen behandelt werden. Sonst werden wir sowohl Schwierigkeiten haben, die beabsichtigten Zusammenhänge richtig zu verstehen, als auch Gefahr laufen, unbeabsichtigte Zusammenhänge in den Text hineinzulesen. Selbstverständlich können diese Regel und ihre Folgen auch dazu führen, daß Zusammenhänge insinuiert werden. Eben weil sie unausgesprochen bleiben, sind sie um so schwerer zu widerlegen.1l Die Relevanzregel kann daher zur folgenden Regel führen:

2 b Wenn zwei Sachverhalte, die in einem Text zusammen genannt werden, in einem Kausalzusammenhang zueinander stehen können, wird der Zusammenhang auch als solcher interpretiert
Wie wir gesehen haben, gilt diese Regel also auch - und nicht zuletzt - wenn Konjunktionen und Adverbien, die in der Sprache solche Zusammenhänge ausdrücken, fohlen. Daher können also völlig irreführende Insinuationen entstehen, obwohl die tatsächlich genannten Sachverhalte wahr sind.
Was hier diskutiert worden ist, läßt sich als Aspekte des in der Rhetorik bekannten ordo naturalis betrachten, d. h. eine naturgemäße Norm der Ordnung der Information. Daß eine Verletzung des ordo naturalis, die nicht als ordo artificialis anzusehen ist, zu einer unwahren Interpretation leiten kann, scheint in der klassischen Rhetorik nicht besprochen zu sein. Sonst ist allerdings das Fundament für die hier genannten Regeln entweder in der ars bene dicendi elaboriert oder - wohl doch öfters -schweigend vorausgesetzt.
Die Verbindung der Elemente des Texts ist letztlich auch Forschungsgebiet der Textlinguistik, die sich allerdings hauptsächlich mit den im Text manifest gegebenen Elementen befaßt hat. Dazu kommt, daß sich die Textlinguistik bis jetzt hauptsächlich mit geschriebenen Texten befaßt hat. Ein geschriebener Text ist im allgemeinen sehr viel expliziter als ein alltäglicher gesprochener. In dem Ausmaß, in dem sich Stilistik und Textgrammatik dafür interessieren, was "zwischen den Zeilen steht", werden natürlich die unausgesprochenen, aber intendierten und verstandenen (und mißverstandenen) Verbindungen zwischen den Textelementen von höchstem Interesse.
Wie verhält sich die Relevanzregel in der fiktiven Literatur? Erstens können wir konstatieren, daß die Einteilung in verschiedene Arten und Gattungen nicht nur aus formaler und inhaltlicher Sicht vorgenommen wird, sondern auch aus der Sicht des Redezwecks; ich brauche hier nur die Moralität oder die Unterhaltungsliteratur zu nennen. Zweitens werden wir in der Literatur eine noch viel höhere Forderung an Relevanz stellen als in der alltäglichen Konversation, denn die Literatur beschreibt ja, auch bei größter epischer Breite, nur einen winzigen Ausschnitt der möglichen Wirklichkeit. Je komprimierter das Genre, um so relevanter ist jedes Wort. Das wird sich in der Analyse der Novelle von Pär Lagerkvist im letzten Abschnitt zeigen. Zum guten Stil im Alltagsleben gehören auch die vielen Regeln, worüber man nicht spricht und was man nicht sagt. Auch diese sind natürlich dem Rationalitäts- und Relevanzprinzip untergeordnet. Nach den gegebenen Konventionen versuchen wir, so wenig Unbehagen wie möglich zu erwecken. Das führt u. a. zu Euphemismen und zur Unterdrückung negativer Information, was uns zu einer Folgeregel bringt:

I a Wenn etwas Erwartetes und Unbekanntes verschwiegen wird, interpretieren wir das nicht Gesagte als weniger gut als das Gesagte.
Grice (1975, S. 52) gibt ein gutes Beispiel:
A is writing a testimonial about a pupil who is a candidate for a philosophy job, and his letter reads as follows: ,Dear Sir, Mr. X's command of English ist excellent, and his attendance at tutorials has been regular. Yours, etc.' (Gloss: A cannot be opting out, since if he wished to be uncooperative, why write at all? He cannot be unable, through ingnorance, to say more, since the man is his pupil; moreover, he knows that more information than this is wanted. He must, therefore, be wishing to impart information that he is reluctant to write down. This supposition is tenable only on the assumption that he thinks Mr. X is no good at philosophy. This, then, is what he is implicating.)
Grice bezeichnet die Antwort als Verstoß (flouting) gegen eine Regel der Quantität, die wir im nächsten Abschnitt besprechen; daher der Ausdruck more information im "Gloss". Wovon hier aber in erster Linie die Rede sein sollte, ist, daß die gegebene Information für die Frage nicht relevant ist und daß das Vermeiden oder Ausweichen an sich ein Indiz dafür ist, dal3 die nicht gegebene Information unvorteilhaft ist. Andere Regeln, die z. B. die Höflichkeit angehen (Lakoff, 1973), können in diesem Zusammenhang vernachlässigt werden.
Irreführung ist uns in der idealen Kommunikation untersagt.l3 So eigentümlich es auch klingen mag, auch im Alltagsleben gilt die Regel, die man in England bei der Vereidigung von Zeugen gebraucht. Man sagt nämlich im Normalfall: "The truth, the whole thruth and nothing but the truth."

3. Was gesagt wird, ist ernst gemeint und wahr
Die Regel mag zunächst eigentümlich klingen: allzuwohl wissen wir, daß dies eine Norm ist, von der oft abgewichen wird. Aber immer noch ist die Abweichung die Ausnahme, und anders könnte es wohl auch nie sein. Das berühmte Paradox des Lügners, der sagt "Ich lüge immer", genügt, um zu zeigen, wie wichtig es ist, den Wahrheitswert eines Satzes bestimmen zu können. Auch wäre es wahrscheinlich unmöglich, überhaupt je kommunizieren zu lernen, wenn diese Grundvoraussetzung nicht bestehen würde. Da uns das Lügen verboten ist, können wir, wie oben schon gezeigt wurde, ohne zu lügen doch irreführen, indem wir die Implikationen des Gesagten irreführend werden lassen.

Man hat aber auch diese Voraussetzung tatsächlich ganz bewußt ausgenutzt, um Lügen zu verbreiten. Adolf Hitler war sich dessen bewußt, als er in Mein Kampf (1930, S. 252f.) folgendes schrieb:

Man ging dabei von dem sehr richtigen Grundsatze aus, dal3 in der Größe der Lüge immer ein gewisser Faktor des Geglaubtwerdens liegt, da die breite Masse eines Volkes im tiefsten Grunde ihres Herzens leichter verdorben, als bewußt und absichtlich schlecht sein wird, mithin bei der primitiven Einfalt ihres Gemütes einer großen Lüge leichter zum Opfer fällt als einer kleinen, da sie selber ja wohl manchmal im kleinen lügt, jedoch vor zu großen Lügen sich doch zu sehr schämen würde. Eine solche Unwahrheit wird ihr gar nicht in den Kopf kommen, und sie wird an die Möglichkeit einer so ungeheuren Frechheit der infamsten Verdrehung auch bei anderen nicht glauben können, ja selbst bei Aufklärung darüber noch lange zweifeln und schwanken und wenigstens irgendeine Ursache doch noch als wahr annehmen; daher denn auch von der frechsten Lüge immer noch etwas übrig und hängen bleiben wird - eine Tatsache, die alle große Lügenkünstler und Lügenvereine dieser Welt nur zu genau kennen und deshalb auch niederträchtig zur Anwendung bringen.

Dazu sei nur bemerkt, daß wir um so leichter etwas glauben, als wir es glauben wollen.

Anders und viel komplizierter ist die Frage, wie sich in der schönen Literatur die Wahrheit zur Fiktion verhält. Das Paradox Jurij Lotmans (1967) ist sehr treffend:
"Ich weiß, daß dies nicht ist, was es vorstellt, aber ich sehe genau, daß es ist, was es vorstellt". Hier sind nur einige Bemerkungen im Hinblick auf die Diskussion über den Text von Lagerkvist am Platz: Der Leser eines fiktiven Textes ist immer geneigt, den Text irgendwie in Beziehung zu seiner eigenen Realität zu interpretieren. Auch ein offenbar unrealistischer Text wird - wenn überhaupt möglich - als Modell der Wirklichkeit gelesen. Sogar Märchen, wo der Name der Gattung eigentlich den Vergleich mit der Wirklichkeit verbieten sollte, sind z. B. als psychologische Allegorien interpretiert worden.

Da wir die Forderung nach Wahrheit in einem fiktiven Text nicht stellen können, wird sie (wenigstens in der realistischen Literatur) von einer hohen Forderung nach Wahrscheinlichkeit ersetzt. Wenn sich Menschen in einem fiktiven Text unwahrscheinlich benehmen, werden wir das auch in erster Linie aus unserer Erfahrung der Wirklichkeit zu interpretieren versuchen, obwohl sich diese fiktiven Menschen eigentlich ebenso eigentümlich benehmen könnten wie Marsianer. 15

Die ganze Wahrheit
Unsere nächste Regel ist von allergrößter stilistischer Bedeutung:

4. Man liefert so viel Information, wie es der Redezweck verlangt, weder mehr noch weniger

Mit "viel" wird hier sowohl Quantität als auch Qualität gemeint. Aus quantitativer Sicht entspricht der letzte Teil dieser Regel dem Gebot des "the whole truth". Wenn man wichtige Faktoren verschweigt, führt man irre, auch wenn man nichts Unwahres sagt. Dies ist vielleicht die bekannteste der Regeln, von denen hier gesprochen wird. Es ist allgemein bekannt, daß z. B. Politiker verschweigen, was ihnen unangenehm ist und sie in ihrer Karriere hindert.

4a. Das Maximalprinzip
Gegen die Regel des ernst Gemeinten operieren gewisse rhetorische Mittel, die uns erlauben, der Wirkung wegen zu übertreiben, zu wenig zu sagen und gar ironisch zu werden. Litotes, Hyperbel und Ironie sind wahrscheinlich die bekanntesten Stilmittel. Sie wären überhaupt nicht möglich, wenn es keine Norm gäbe, von der in diesen Fällen abgewichen wird. Die Norm ist von Ryding ( 19 71 ) so formuliert worden: Die Sprache wird nach einem Maximal-Prinzip gebraucht. Das bedeutet: wir verwenden so starke Ausdrücke wie möglich, ohne mit der Wahrheit in Konflikt zu kommen. Das Prinzip wird an graduellen Wörtern besonders deutlich. In einer Sauna ist es 100°. Wenn man mich fragt, ob die Sauna warm sei, ist meine korrekte Antwort, sie sei heiß, sogar sehr heiß, glühend oder "beinahe nicht zu ertragen". Warm wäre nicht stark genug; ziemlich warm wäre offenbar schon eine Litotes. Ganz kalt wäre vielleicht sogar mehr als Litotes und könnte in einer adäquaten Situation als ironisch verstanden werden. Diese Regel des maximalen Ausdrucks ist nicht nur dadurch interessant, daß sie das Fundament von drei der gewöhnlichsten stilistischen Mittel ausmacht, sie besagt auch, daß wir in unserer kommunikativen Kompetenz Konventionen haben, die den Grad gewisser Inhaltsfaktoren sehr genau regeln.

Wenn wir das Gegenteil von dem meinen, was wir sagen, (und manchmal, aber gewiß nicht immer, kommunizieren), sind wir ironisch. Als ironisch werden auch solche Äußerungen bezeichnet, die der Sprecher nicht (ganz) ernst meint und mit welchen er sich nicht völlig identifiziert. Diese Art der Ironie kann in der Literatur in verschiedenen Formen vorkommen. Es scheint mir, daß die primäre Voraussetzung der Ironie ist, daß der Sprecher etwas nicht (ganz) im Ernst meint: daher wahrscheinlich die enge Beziehung zwischen Ironie und Humor.

Das Maximalprinzip und das Relevanzkriterium vereinen sich in der Forderung ". . . die ganze Wahrheit". Immer die ganze Wahrheit zu sagen, wäre nicht nur unmöglich, sondern vor allem zwecklos: "die ganze Wahrheit" bezieht sich natürlich auf die für den Gesprächspartner oder für das Thema relevante Wahrheit. Es ist sehr wohl möglich, daß ich bei gewissen Praesuppositionen mit der Antwort, daß die Sauna warm sei, völlig zufrieden bin, gesetzt den Fall, wir wissen, daß in dem gegebene Kontext mit warm gemeint ist, daß man jetzt in der Sauna baden könne. (Da eine Sauna erst warm ist, wenn sie heiß ist, wäre es vielleicht sogar überflüssig anzugeben, daß sie glühend heiß ist!) Wenn ich aber auf einer Party meinen Gesprächspartner frage: "Kennen Sie die entzückende Frau, die dort in der Ecke steht?" und er antwortet "Ja", kann sich diese Antwort unter Umständen als "zu wenig Wahrheit" enthaltend erweisen - z. B. wenn sie seine Frau ist.

Das Maximal-Prinzip wirkt sich also einerseits quantitativ aus: die Regel bedeutet hier, daß man alle relevanten Umstände (die wahr sind und die man ernst nimmt) nennen muß, um das Ziel der Kommunikation zu erreichen. Qualitativ wirkt es sich so aus, daß man sich genau so stark ausdrückt, wie es die Situation fordert. Und obwohl diese Regeln beim ersten Anschein sehr porös und vage scheinen, merken wir im Alltagsleben, daß sie wirklich befolgt werden und daß jede Abweichung davon zu kleineren oder größeren Mißverständnissen führt. In der Rhetorik und Stilistik ist dieses Prinzip seit Jahrhunderten selbstverständlich gewesen, aber m. E. erst jetzt -explizit formuliert worden.
Nichts als die Wahrheit
Weil weniger bekannt, ist die Regel "man soll nicht zu viel sagen" wohl interessanter. Sie hängt natürlich eng mit der Relevanzregel zusammen. Wenn wir zu viel Information bekommen, kann durch die Menge das Wichtige und Relevante verdrängt werden. Andererseits verhält es sich so, daß die Menge der Information tatsächlich auch das Thema des Texts beeinflußt. Deutlich ist das an einem Theaterstück sichtbar: Hamlet ist eben in dem Shakespearedrama die Hauptperson kraft der Menge seiner Repliken. Der Held des Dramas kann niemals Fortinbras sein; dafür kommt er zu wenig vor. 17 Wenn er viel mehr zu sagen hätte, und das Drama immer noch von Hamlet handeln soll, würde man dem Verfasser vorwerfen, er hätte sein Stück schlecht disponiert.

Die Regel wirkt sich auch in einem ganz anderen Bereich interessant aus: wenn wir mehr Information liefern als nötig, indem wir den Wahrheitsgehalt unserer Aussage explizit bestätigen (z. B. "Ich habe das-und-das gemacht. Das ist auch wirklich wahr."), so wird der Konversationspartner normalerweise eher den Verdacht hegen, die Aussage sei nicht wahr!

Es ist so selbstverständlich, daß man die Wahrheit spricht, daß der bloße Verweis darauf Verdacht erregt. Denn wie wir aus Regel 1 entnehmen, braucht man ja das Selbstverständliche nicht verständlich zu machen! Daß der Wahrheitswert als selbstverständlich betrachtet wird, kommt auch bei der Entwicklung einiger Adverbien zum Vorschein: Wörter wie gewiß, sicher, bestimmt bezeichneten ursprünglich etwas Gewisses, Sicheres und Bestimmtes. Wenn sie aber als (unbetonte) Adverbien vorkommen, bezeichnen sie in der modernen Sprache eher das Gegenteil oder wenigstens einen sehr beschränkten Grad von Sicherheit, usw. "Er kommt morgen nach Göteborg" ist unzweideutig eine faktische Aussage. In einem Satz wie: "Er kommt sicher/bestimmt/gewiß morgen nach Göteborg" ist es eben nicht mehr so sicher, gewiß oder bestimmt. Dies sei hier nur als Beispiel dafür angeführt, wie pragmatische Faktoren auch auf der linguistischen Ebene deutliche Spuren hinterlassen. Eine klassische rhetorische Regel,18 die Grice wieder aufgreift, lautet in einer nicht normativen Form:

5. Die Aussage ist so klar und eindeutig, wie es der Redezweck erfordert
Hier wird man wohl - wenn nicht früher - einen Einwand erheben. Allzuwohl wissen wir, daß diese Regel nicht befolgt wird. Gegen den verworrenen Stil der Behörden und der Obrigkeit hat man in den letzten Jahren protestiert - eben weil die Behörden gegen diese Regel entweder verstoßen haben oder mit ihrer komplizierten Sprache nicht nur Information geben wollen, sondern auch einen anderen Redezweck haben, nämlich gerade die Obrigkeit auszudrücken und auszuüben. Nach Grice sind die Folgeregeln:

5a Vermeide dunkle und mehrdeutige Ausdrücke
Sb Vermeide, langweilig zu sein 19
Gegen die erste Aufforderung verstößt häufig die fiktive Literatur, deren poetischer Wert gerade in der Doppeldeutigkeit oder Ambiguität liegen kann. Wir werden auch, wie oben schon gesagt wurde, den Redezweck danach beurteilen, wie die Aussagen sich zu den Regeln der Konversation verhalten: Vor einer ambiguösen Aussage werden wir also die Frage stellen, ob die Mehrdeutigkeit nicht gerade der Redezweck sei. Besonders ist das in Situationen der Fall, wo wir a priori nicht erwarten, daß der Text beabsichtigt, in erster Linie Information zu vermitteln. Auch bei Literatur, die offenbar tendenziös ist, wird die Botschaft öfters indirekt vermittelt. Das kann sowohl aus politischen wie aus ästhetischen Gründen geschehen. In beiden Fällen werden wir nicht nur die Botschaft, sondern auch in hohem Mal3e die oblique Art ihrer Vermittlung als eine Qualität (ob gut oder schlecht) des Textes empfinden, und wir werden als erste Hypothese formulieren, daß der Sprecher oder Verfasser die Doppeldeutigkeit absichtlich zustande gebracht hat. Wie wir in der Anmerkung I A sehen, wird ein Verstoß gegen eine Regel, sei sie grammatisch (wovon dort die Rede ist) oder pragmatisch, abhängig von unserer Beurteilung der Intention des Senders interpretiert. Wollen wir Auskunft haben, ist Ambiguität ein Fehler des Redners; wollen wir ästhetisch-intellektuellen Genuß, ist er ein Verdienst.

Vermeiden, langweilig zu sein, ist eine Kombination von zwei schon behandelten Regeln, nämlich die der Relevanz und die der Quantität. Wenn man von etwas spricht, was dem Redepartner nicht relevant vorkommt, und wenn man es noch dazu lange tut, entsteht Langeweile. Das Problem ist von ungeheurer Wichtigkeit, wenn man bedenkt, wie viel an Information der Gesellschaft für den Empfänger nicht nur irrelevant, sondern vielmehr unangenehm sein mul3! Das Problem tritt für die Soziolinguistik auch in der Kommunikation zwischen jungen und alten Leuten auf und wird dort untersucht. Alte und junge Leute sprechen über verschiedene Dinge und sprechen auch verschieden, was beides zu kommunikativen Störungen führen kann. Allzugut kennt auch die Presse die Regel der Langeweile: die Sensationshascherei auch in ernsthaften Publikationen ist die negative Folge solcher Kenntnis.

Die kommunikativen Regeln und die Stilanalyse
Die Regeln, die ich besprochen habe, sind alle von solcher Komplexität, daß gewiß vieles ausgelassen ist und anderes nur angedeutet werden konnte. Es dürfte jedoch offenbar sein, dal3 sie alle von größter Relevanz für die Stilistik sind.20 Als Beispiel dafür, wie die Regeln der alltäglichen Kommunikation zum Aufschlüsseln eines literarischen Texts gebraucht werden können, habe ich eine Kurznovelle des schwedischen Verfassers Pär Lagerkvist gewählt. Die Kenner seiner bekanntesten Romane aus der Zeit während und nach dem zweiten Weltkrieg werden ihn wohl nicht so leicht erkennen; der Stil ist hier ein ganz anderer. Der Text ist einer Sammlung mit dem Titel Böse Märchen (1924) entnommen.

Eine Stilanalyse kann sich auf verschiedene Ebenen des Texts beziehen. Die "rein linguistische" könnte in unserem Fall z. B. versuchen, den Text zwischen Umgangssprache und literarisch gehobener Sprache einzuordnen. Diese Ebene ist für unsere Zwecke nicht relevant, da es sich hier um einen Versuch handelt, die Regeln der normalen Kommunikation bei der Stilanalyse zu überprüfen. Zwar konnte man den wenig komplizierten Satzbau und die umgangssprachliche Form vieler Textstellen der Regel 5 zuordnen. Aber auch weil es sich hier um eine Übersetzung handelt ist eine linguostilistische Untersuchung nicht genauso interessant wie die der Inhaltsebene.

Die Methode
Um in den Zirkel des Verstehens "recht hineinzukommen", wollen wir versuchsweise den hier besprochenen Regeln der normalen Kommunikation an diesem exemplarischen Text folgen. (Der Text ist als Anhang beigefügt. Die Ziffern hinter Zitaten bezeichnen die Satznummer.) Die Reihenfolge, in der die Regeln überprüft werden, ist dabei natürlich willkürlich und bei einer authentischen Stilanalyse würde man wahrscheinlich auch mehrere Regeln auf einmal behandeln.

Die erste unserer Regeln verlangt, daß nur das gesagt wird, was unnormal und unbekannt ist. Diese Forderung dürfte unser Text wohl in ungewöhnlichem Maße erfüllen! Was hier erzählt wird, muß als eine ganz extreme Ausnahme bezeichnet werden; jedenfalls wirkt es auf den ersten Anschein so. Wir werden allerdings Anlaß haben, auf diese Frage zurückzukommen.

Die zweite Regel heißt: Was gesagt wird, ist für das Ziel der Kommunikation relevant. Wir werden hier systematisch die verschiedenen Redefunktionen abtasten. Als Information (wie eine Notiz in der Tageszeitung) funktioniert der Text kaum.
Vor allem fehlt es an Konkretion u. a. an Namen und Zeitangaben; wenn wir den Text als informativ verstehen wollten, mußten wir dies Fehlen als einen Verstoß gegen die Regel 4 klassifizieren: "Man liefert so viel Information, wie es der Redezweck verlangt". Die Absicht des Verfassers wird also nicht sein, uns über einen konkreten, realen Vorfall zu unterrichten. Da der Text nicht unmittelbar mit einer der anderen Funktionen verbunden werden kann, müssen wir die Frage nach dem Redezweck bis nach der weiteren Analyse aufschieben. Da Redezweck ja hier dasselbe ist wie die Intention des Verfassers, wird das niemanden wundern, der sich mit dieser komplizierten Frage auseinandergesetzt hat. Aber schon die bloße Einsicht, daß es sich hier um etwas anderes handelt als "straightforward information", wird die Interpretation ausschlaggebend beeinflussen.

Die weitere Entwicklung der Regel 2a, die nach der textinternen Relevanz fragt, führt zur Analyse der im Text vorkommenden Sachverhalte und ihrer Beziehungen.

Wie es für einen so kurzen Text nicht ungewöhnlich ist, ist er auf ein einziges Thema konzentriert, nämlich das "Unternehmen", das im Text unter verschiedenen Benennungen immer wieder vorkommt: außer Unternehmen heißt es Vorführung, Sensation, Idee, Schauspiel und Scheußlichkeit. Außerdem werden pronominale und unbestimmte Ausdrücke wie alles, so etwas, die Sache, etwas Derartiges, das Ganze dafür gebraucht. Die Konzentration des Texts auf dieses Motiv ist auffällig: kein einziges Wort bezieht sich nicht direkt oder indirekt auf das Unternehmen oder auf eins der beiden damit eng verbundenen Nebenthemata, den "Helden" selbst und sein Motiv: das Geld. Wenn sich bei einer solchen Konzentration ein Satz finden sollte, der zunächst nicht für das Thema relevant zu sein scheint, werden wir versuchen, ihn doch so zu interpretieren, daß er Relevanz bekommt. Das könnte hier auf die Beschreibung des Helden (21) angewandt werden: Wo alles so allgemein dargestellt wird, warum wird dann überhaupt davon gesprochen? Entweder ist die Beschreibung des Helden ein Verstoß gegen die Regel 4, also überflüssig (und damit etwas, was den Text langweilig macht), oder wir suchen ihre Relevanz in einer Interpretation des Textes als Ganzem, in dem der betreffende Abschnitt einen Sinn bekommt. Dies ist eine allgemeine Regel der Interpretation, die sich mit der Konversationsregel der Relevanz deckt (siehe Anm. 12). In einem idealen Text (und auch in Texten, die vielleicht nicht ideal, aber sehr gut sind!) hat also jedes Wort eine bestimmte beziehungsweise bestimmbare Funktion. Von dieser Voraussetzung muß jedenfalls die Interpretation als Hypothese ausgehen. Erst wenn alle Versuche scheitern, einem bestimmten Textelement im Textganzen einen Sinn zuzuschreiben, dürfen wir das Textelement als redundant oder überflüssig bezeichnen. Man muß allerdings stets bedenken, daß der Redezweck erstens nicht nur eine Funktion betreffen, zweitens nicht immer mit gleicher Deutlichkeit (d. h. hier mit demselben Grade von Relevanz) hervortreten wird.

Es zeigt sich nun, daß die Beschreibung des jungen Mannes als Schlüssel zu einer Interpretation des Textes dienen kann. Er wird vom Verfasser als "ein typischer Vertreter der besten Jugendlichen von heute, willensstark und gesund" (21) gekennzeichnet. Der Leser wird fragen, wie sich diese Gesundheit mit dem "Unternehmen" vereinen läßt. Wie ist ein vernünftiger Zusammenhang herzustellen zwischen dem männlichen Ideal, das der "Held" vertritt, und seinem Vorhaben, sich für 500 000 von einem Kirchturm zu stürzen, um den Einwohnern der Stadt Vergnügen zu bereiten? Vielleicht stellt sich der Leser sogar schon nach dem ersten Satz, der einen so großen Teil der Information der ganzen Geschichte enthält, dieselbe Fragen wie die Einwohner der Stadt es im letzten Absatz des Texts tun. Man wird auch nach dem eigentlichen Motiv des jungen Mannes fragen: er tut es angeblich des Geldes wegen - "was muß man nicht alles fürs Geld tun?" (18) - aber mehr, als daß er im besten Hotel der Stadt über zwei Zimmer verfügt, scheint für ihn ja nicht dabei herauszukommen. Da von einer Familie im Text nicht gesprochen wird, existiert kraft der Regeln der fiktiven Literatur auch keine, und für den jungen Mann ist die ganze Geschichte ein irrsinniges "Geschäft". Er hat von seinem "Opfer" nichts, und, wie es sich im letzten Absatz zeigt, auch die Einwohner der Stadt nicht. Was uns Lesern sehr eigentümlich vorkommen wird, ist, daß man diesen Irrsinn in der Stadt nicht schon früher eingesehen hat. Es wird uns im Gegenteil auffallen, wie konsequent die Idee von den Einwohnern als völlig normal betrachtet wird. Nur an einer Stelle (24) wird von Leuten gesprochen, die "mehr Verstand hatten". Ihr Einwand ist aber nur: "geschickt gemacht", und sie erweisen sich also als mindestens ebenso unverständig wie die anderen. Dem Leser wird die ganze Geschichte eigentümlich vorkommen. Er wird nach einem Kommentar fragen, denn auch als pure Unterhaltung scheint der Text schlecht zu funktionieren.

Das unsinnige Benehmen der Personen im Text wird bei dem Leser den Verdacht erwecken, daß etwas anderes gemeint ist, als es oberflächlich erscheint. Wir werden annehmen, daß die wichtige Regel 3 verletzt ist, d. h. daß der Verfasser etwas anderes meint als er sagt.22

Was in dieser Stadt geschehen soll, wird von den Einwohnern nicht nur für moralisch einwandfrei, sondern auch für äußerst anregend gehalten: das Konsortium sei über alles zu loben (26). Die wenigen Einwände, die trotzdem erhoben werden, sind nach unserem Maßstab völlig verfehlt. Es handelt sich nämlich nur um die Kosten: vor der Vorführung werden die teuren Eintrittspreise in der Perspektive des Konsortiums gesehen und mit dem Risiko motiviert (27); nach der Vorführung ist die Kritik gegen "solchen Scheußlichkeiten" auch nur ökonomisch begründet: "Es war schon teuer bezahlt [. . .]" (37) Das "Geschäft", von dem hier die Rede ist, kann nur einen einzigen Zweck erfüllen, nämlich dem Konsortium Geld einbringen. Von hier aus eine politische Interpretation des Texts zu liefern, wird dem Leser nicht schwer fallen.
Wir sehen, wie eine Diskrepanz entsteht zwischen der moralischen Norm des Lesers und der, die in der besprochenen Stadt herrscht. Eine gleichartige Diskrepanz kommt auch auf der stilistischen Ebene zum Vorschein, und zwar in den Worten, die gebraucht werden, um den Einsatz des jungen Mannes zu werten: Die Tatsache, daß er sich zu Tode stürzen soll, wird als "nicht gerade angenehm" (6) bezeichnet, aber auch sofort mit der Bezahlung rationalisiert (8). Die Zeitungsreporter fragen, ob er es "denn nicht unangenehm" finde, sein Leben dafür zu lassen (15), worauf er erwidert "ich habe auch selbst daran gedacht" (17). Da nirgends hervorgeht, daß diese Äußerungen in dem Text, d. h. also von ihren imaginären Darstellern, humoristisch oder ironisch gemeint sind, müssen wir sie nach dem Maximalprinzip als adäquat verstehen: Das bedeutet, daß in der Gesellschaft, in der sich die Geschichte abspielt, diese Äußerungen als die für die Situation passenden anzusehen sind. Daraus geht mit aller Deutlichkeit hervor, daß etwas in der beschriebenen Gesellschaft nicht stimmt. Einerseits wird von einem willensstarken und gesunden Ideal gesprochen, andererseits wird der Tod eines Jünglings lediglich als für ihn nicht angenehm bezeichnet.
Diese Diskrepanz ist so auffällig, und die Absurdität der ganzen Geschichte durch das eiserne "Normalverhalten" der Einwohner so stark ausgedrückt, das es sehr wahrscheinlich ist, daß damit etwas für die Interpretation sehr Wesentliches vorliegt.

Die Regel der Wahrheit ist in der fiktiven Literatur durch eine der Wahrscheinlichkeit ersetzt. Jene ist aber hier eindeutig außer Kraft gesetzt. Hier wird - scheinbar eine Gesellschaft mit einer von der unseren völlig abweichenden Moral dargestellt. Der Leser muß sich deswegen hier fragen, ob sich zwischen dem Text und unserer Wirklichkeit überhaupt eine Verbindung herstellen läßt und ob die Stadt etwa eine ganz fremde , total fiktive Gesellschaft mit einer ganz eigen en Moral darstellt . Wenn dies so wäre, was wäre dann der Zweck der Geschichte? Reine Unterhaltung? Für die interpretative Stilistik wird mit einer solchen Antwort die Frage aktuell, ob dieser Redezweck nicht effektiver geleistet werden könnte. Vor allem wird man sich darüber Gedanken machen, daß der Verfasser so ostentativ gegen die Regel 5 verstößt, die uns vorschreibt, die Aussage so klar und eindeutig zu machen wie es der Redezweck erfordert. Da uns der Text verwirren muß, hätte diese Regel den Verfasser gezwungen, einen Kommentar zu liefern. Mit Kommentaren zu dem Geschehnis ist aber der Verfasser bzw. Erzähler sehr sparsam: er erzählt nur die "Story" (1-2, 9-11, 19-22, 28-33, 40). Die Kommentare werden so gut wie ausschließlich von den Einwohnern geliefert, hauptsächlich in der Technik der "erlebten Rede".

Man könnte vielleicht doch meinen, der Text stelle eine Moralität dar: die Enttäuschung über die Vorführung hätte den Einwohnern der Stadt zu einer besseren Moral verholfen. Die Empörung über die Veranstaltung ist allerdings sehr gedämpft. Man ist enttäuscht, weil der junge Mann "sich ja doch nur [!] zu Tode gestürzt" hat (36). Und wie schon bemerkt, wird das Erlebnis in Relation zu den Kosten gesetzt: "Es war schon teuer bezahlt für etwas, das vergleichsweise so einfach war" (37).

Interessant ist hier auch die semantische Analyse des Satzes: "Er war bestimmt fürchterlich zugerichtet worden, aber was hatte man schon davon?" (38), wo das adversative aber den Kontrast zwischen einer Erwartung und ihrer Erfüllung ausdrückt. Da das letzte Glied offenbar negativ ist, muß das erste positiv gemeint sein, was zu denken gibt! Schließlich findet sich auch am Ende des Texts ein für unsere Gefühle allzu gedämpfter Grad der Entrüstung: Durch das eigentlich (41) und den Ausdruck "wenn man richtig darüber nachdachte" (43) wird der Empörung völlig die Spitze genommen! Wir können den Text also nicht als eine Moralität deuten. Das auffallende Fehlen eines Erzählerkommentars gibt uns einen letzten Anstoß, nach einem anderen und tieferen Sinn dieser Geschichte zu suchen.

Unser vergebliches Bemühen, den Text sinnvoll zu interpretieren, wird uns entweder dazu führen, ihn als völlig absurd zu beurteilen, oder den letzten Schritt zu wagen und vom Ausgangspunkt der empfundenen Diskrepanz zwischen unserer Moral und derjenigen der Einwohner der Märchenstadt her nicht den Text, sondern unsere Wirklichkeit - oder besser unsere Vorstellung von der Wirklichkeit - in Frage zu stellen.

Die weiteren Einzelheiten der Interpretation werden hier wie immer von dem konkreten Textinhalt und der kommunikativen Situation (u. a. dem Erwartungshorizont) abhängig sein. Sie seien dem Leser überlassen.23 Die hier dargestellte Methode zielt darauf ab, eine allgemeine Strategie herzustellen, um in den hermeneutischen Zirkel überhaupt - und möglichst systematisch - hineinzukommen. Sie baut auf einer pragmatischen Kommunikationstheorie mit deutlichen stilistischen Implikationen auf. Sie wird gewiß noch weiter zu entwickeln sein; auch wird nicht jeder Text sich ebenso exemplarisch zur Demonstration verwenden lassen. Doch scheint sie mir sinnvoll als eine kohärente Methode, mit deren Hilfe sich der erste Schritt der Interpretation tun läßt.

Anhang
Pär Lagerkvist: Der Tod eines Helden
In einer Stadt, wo man nie genug Vergnügungen bekommen konnte, hatte ein Konsortium einen Mann engagiert, der oben auf der Kirchturmspitze auf dem 2 Kopf balancieren, danach hinunterfallen und sich zu Tode stürzen sollte. Dafür 3 sollte er 500.000 bekommen. Man interessierte sich in allen Gesellschaftsschichten, allen Kreisen lebhaft für dieses Unternehmen, die Eintrittskarten waren in 4 wenigen Tagen vergriffen, und man sprach über nichts anderes. Alle fanden, daß 5 es sehr verwegen sei. Aber man mußte ja auch bedenken, daß der Preis danach 6 war. Es war wohl nicht gerade angenehm, hinunterzufallen und sich zu Tode zu 7 stürzen, und noch dazu aus solcher Höhe. Aber es mußte ja auch zugegeben wer8 den, daß die Bezahlung reichlich war Das Konsortium, das alles arrangiert hatte, hatte es an nichts fehlen lassen, und man konnte stolz darüber sein, da8 so etwas in der Stadt zustande gebracht werden konnte. Natürlich wurde die Aufmerksamkeit auch in hohem Grade auf den Mann gerichtet, der es übernommen hatte, die Sache auszuführen. Die Zeitungsreporter stürzten sich mit brennenden Eifer auf ihn, denn es waren nur noch wenige Tage bis zur Vorführung. Er empfing sie wohlwollend in seinen beiden Zimmern im vornehmsten Hotel der Stadt. Tja, für mich ist das ganze ein Geschäft, sagte er. Man hat mir die Summe angeboten, die Sie kennen, und ich habe das Angebot angenommen. Das ist alles. - Aber finden Sie es denn nicht unangenehm, daß Sie Ihr Leben dafür lassen müssen? Man versteht ja, daß es notwendig ist, denn sonst wäre es ja keine große Sensation und das Konsortium könnte nicht so bezahlen wie abgemacht, aber für Sie persönlich kann es doch nicht angenehm sein. - Ja, Sie haben schon recht, und ich habe auch selbst daran gedacht. Aber was muß man nicht alles fürs Geld tun? 19 Auf Grund dieser Äußerungen wurden in den Zeitungen lange Artikel über den bisher unbekannten Mann geschrieben, über seine Vergangenheit, seine Ansichten, seine Einstellung zu verschiedenen akuten Problemen, seinen Charakter und 20-21 sein Privatleben. Sein Bild war in jeder Zeitung, die man aufschlug. Es zeigte einen kräftigen jungen Mann, sonderlich bemerkenswert sah er nicht aus, aber verwegen und gesund, mit einem energischen, offenen Gesicht, ein typischer Vertreter der besten Jugendlichen von heute, willensstark und gesund. Es wurde in allen Cafés studiert, während man sich auf die bevorstehende Sensation vorbereitete. 23 Man fand es nicht schlecht, ein sympathischer junger Mann, die Frauen fanden ihn wunderbar. 24 Einige, die mehr Verstand hatten, zuckten mit den Schultern: geschickt gemacht, sagten sie. 25 Über eines waren sich alle gleichermaßen einig, wie phantastisch und eigenartig diese Idee war und daß so etwas nur in unserer merkwürdigen Zeit vorkommen könnte mit ihrer Hetze und Intensität und ihrer Fähigkeit, alles zu opfern. 26 Und man war sich darüber einig, daß das Konsortium über alles zu loben sei' weil es keinen Kosten scheute, als es darum ging, etwas Derartiges zustande zu bringen und der Stadt tatsächlich Gelegenheit zu geben Zeuge eines solchen Schauspiels zu sein. 27Das Konsortium würde seine Ausgaben wohl sicherlich durch die teuren Eintrittspreise decken können, aber das Risiko bestand in jedem Fall. 28 Und endlich kam der große Tag. 29 Die Umgebung der Kirche war brechend voll. 30 Die Spannung war unerhört. 31 Alle hielten den Atem an, angespannt bis zum Äußersten in Erwartung dessen, was geschehen sollte. 32 Und der Mann fiel hinunter, das war schnell getan. 33 Die Menschen schauderten, und man stand auf und begab sich auf den Heimweg. 34 Irgendwie fühlte man sich enttäuscht. 35 Es war schon großartig gewesen, aber dennoch. 36 Er hatte sich ja doch nur zu Tode gestürzt. 37 Es war schon teuer bezahlt für etwas, das vergleichsweise so einfach war. 38 Er war bestimmt fürchterlich zugerichtet worden, aber was hatte man schon davon? 39 Ein hoffnungsvoller junger Mann auf diese Weise geopfert. 40 Man ging unzufrieden nach Haus, die Damen spannten ihre Sonnenschirme auf. 41Nein, solche Scheußlichkeiten vorzuführen, sollte eigentlich verboten sein. 42 Wer könnte Vergnügen daran finden? 43 Wenn man richtig darüber nachdachte, war das Ganze ja doch empörend.

Literaturverzeichnis

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Fußnoten
1 Das Problem ist nämlich:
A: Alles, was wir perzipieren, wird als Abweichung von etwas anderem überhaupt erst erfaßt.
B: Alles, was einen Text von einem anderen unterscheidet, werden wir nicht als Stil bezeichnen wollen. Der Unterschied zwischen einem Sprachfehler und einem stilistischem Merkmal ist theoretisch schwer zu fassen (Spillner, 1974, S. 39), da er von unserer Beurteilung der Intention des Sprechers bzw. Schreibers abhängt: ein absichtlicher "Fehler" wird nämlich als Stilmerkmal interpretiert.
C: Wenn Stil als Abweichung von einer textuellen Norm definiert werden soll, entsteht das große Problem, diese Norm zu definieren (Enkvist, 1973, S. 21ff., 145).

Es ist offensichtlich, daß, wenn wir alles, was sich bei einem Vergleich zwischen dem Text im Telefonbuch und dem Heidenröslein als "Unterschied" ergibt, als Stil bezeichneten, der Stilbegriff viel zu weit und vage würde. Ebenso wird es uns sehr schwerfallen, beim Vergleich zwischen dem ersten und dem zweiten Band unseres Telefonbuches stilistische Beobachtungen zu machen. Um also die Norm adäquat wählen zu können, müssen wir eine Stildefinition a priori benutzen, und damit wird ja die sogenannte Stildefinition im Zirkel vollzogen. (Sie wirkt sich auch als solche aus in den Arbeiten, in denen der Verfasser behauptet, er schließe sich an eine Deviationsdefinition an, wo aber doch von a priori stilistisch mehr oder weniger relevanten Elementen gesprochen wird: z. B. Enkvist, 1973, S. 121; Marx-Nordin, 1979, S. 11).

Trotz alledem ist der Begriff der Abweichung für die Stilistik relevant: die Rhetorik kennt z. B die Kategorien der adiecto, detractio, immutatio und transmutatio, d. h. daß etwas dazukommt, fehlt oder verändert dargestellt wird, z. B. als Metapher oder Metonymie, oder daß die Ordnung, d.h. die Komposition verändert ist, im Satz oder im Text.

Diese Begriffe praesupponieren eine Norm, von der abgewichen werden kann.

Diese Norm kann aber nicht in Termen von Texten formuliert werden (wie es die sog. Stildefinitionen im allgemeinen voraussetzen) sondern muß in Termen eines Regelsystems definiert werden.

2 Meine Darstellung baut außer auf dem unten genannten Aufsatz von Grice (1975) hauptsächlich auf zwei schwedischen populärwissenschaftlichen Arbeiten auf: Andersson/Furberg (1972) und Ryding (1971).
3 Ich schließe mich hier Eco an, der in seinem Kommunikationsmodell (1976, S. 141) mit Text erst den interpretierten Sinn des "Texts" bezeichnet. Was wir gemeinhin Text nennen, trägt hier den Namen "Message as source of information": Figur die sich nicht scannen lässt!
Über den Textbegriff siehe auch Plett (1975), vor allem Kap. 2, Der Objektbereich "Text", S. 16ff.

4 Mit Bedeutung meine ich lexikalische Bedeutung, mit Sinn die Bedeutung und Funktion in einem konkreten Kontext. Wenn ein Wort in einem ironischen Kontext vorkommt, verändert sich also sein Sinn, nicht aber seine Bedeutung. Diese Terminologie unterscheidet sich zwar von etlichen Definitionen in der semantischen Literatur, entspricht aber wohl dem alltäglichen Gebrauch dieser Termini.
5 Sanders ( 1973, S., 35) spricht von der "fast bewundernswerte[n] Unmethodik einer jeden literatur-orientierten Stiltheorie [. . .]. Man bedient sich [. . .] nämlich zur Erklärung eines an sich schon schwierigen Sprachphänomens ausgerechnet dessen kompliziertester Realisierung[. . .]"

6 Über verschiedene Arten der Stilforschung, siehe Cassirer, 1975.

7 Das Beispiel sowie die Regel habe ich Ryding entnommen.

8 Die Regel, wie sie hier formuliert ist, ist eine Kombination von Nowell-Smith (1954, 8.

82): "What a speaker says may be assumed to be relevant to the interest of his audience" und der Maxime von Grice (1975, S. 46): "Be relevant". Grice spricht in dem Zusammenhang zwar nicht über den Redezweck oder über das gemeinsame Ziel der Konversation; aber da die Regel sonst, wie Nowell-Smith (1954, S. 82) bemerkt "unfortunately [ . .] is also the most frequently broken. Bores are more common than liars or careless talkers", muß der Redezweck zugefügt werden. Für die ideale Kommunikation ist sicher das Prinzip der Kooperation, wie Grice meint, eine Voraussetzung. Viele Leute reden aber nicht um zu informieren, sondern nur um von dem sprechen zu können, was sie im Augenblick bekümmert. Oder bilden sich so viele Menschen wirklich ein, ihre detailierten Berichte über ihre Krankheiten usw. könnten jemand anders überhaupt interessieren?

9 Von der performativen Funktion kann hier abgesehen werden.

10 Von dieser theoretischen Komplikation sieht Grice ganz ab Das Problem des vom Sprecher gewünschten Verstehensmodus wird von Grosse (1976) eingehend behandelt.
11 Nach Ryding (1971).
12 S. Plett (1975), Abschnitt 3.1.3; vor allem die Diskussion über den Versuch Harwegs, eine Theorie der Textkohärenz zu formulieren, die u. a. auf Implikationen bernht (S. 65ff.). Der textimmanente Relevanzbegriff ist offenbar mit dem Kohärenzbegriff verwandt, vielleicht sogar identisch. Der Kohärenzbegriff wird von gewissen literarischen Hermeneutikern als einziges und endgültiges Interpretationskriterium angesehen (Richard, 1961, S. 36).
13 "When a speaker uses a sentence to make a statement, it is contextually implied that he be lieves it to be true" (Nowell-Smith, 1974, S. 81). Man beachte hier den Ausdruck "to make a statement": bei Sätzen, die nicht den Status von "statement" haben, gilt diese Regel nicht. In der Rhetorik scheint die Wahrheit selbst keine ebenso wichtige virtus zu sein wie das veri simile (Lausberg, 1960, S. 168). Über die Forderung der Wahrscheinlichkeit in der fiktiven Literatur vgl. unten und Anm. 15.

14 Z.B. die Analyse von ,Rotkäppchen' bei Fromm (1951).

15 Die textimmanente Forderung an Kohärenz scheint einer pragmatischen Forderung an Kohärenz zwischen dem Erwartungshorizont (oder der Erfahrung) des Lesers und den inhaltlichen Faktoren des Text zu entsprechen.

16 Das entspricht in der Rhetorik ganz genau den Forderungen, die unter Termini wie narratio brevis, quantum satis und quantum opus est ausgedrückt sind (Lausberg, 1960, S. 168ff.).

17 In einem Aufsatz über ,Pygmalion' und Shaws Nachwort zu dem Stück habe ich dieses Problem besprochen (Cassirer 1981).

18 Die perspicuitas Quintilians (mit mehreren andern Namen) (Lausberg, 1960, S. 177).
19 Das taedium der Rhetorik (Lausberg, 1960, S. 152).
20 Diese Regeln sind in der klassischen Rhetorik bis in die kleinsten Einzelheiten besprochen. Die Rhetoriker und auch die modernen Philosophen sehen das Problem konsequent aus der Perspektive des Redners beziehungsweise Textproduzenten. Die Stilistik (insofern wir hier nicht die normative meinen) sieht den Text aus der Perspektive des Lesers. Dadurch entsteht das Problem, die Intention des Verfassers - also den Redezweck - zu rekonstruieren.

21 Nicht nur die Verletzung einer Regel, sondern auch ihre Verstärkung wird in der Deviationsstilistik als Stilmerkmal bezeichnet (Plett, 1977, S. 134).
22 Die Einwohner der Stadt tun das Gegenteil dessen, man von ihnen erwartet, und der Verfasser meint augenscheinlich etwas anderes, als er explizit sagt, was beides den Eindruck einer ironischen Haltung zur Folge hat (vgl. Berg, 1978). "Darin eben liegt der verführerische Reiz der ironischen Sprechweise, daß sie anderes und mehr durckblicken läßt, als was sie buchstäblich sagt" (Allemann, 1970, S. 16).
23 Eine vollständigere Analyse liegt auf Schwedisch vor (Cassirer, 1974).