Regeln der alltäglichen Kommunikation
Vorwort
Die Rhetorik und ihre Nachfolgerin, die Stilistik, haben sich
mit der ars bene dicendi beschäftigt, d.h. mit der
Kunst, sich gut, schön und effektiv auszudrücken. Diese
Kunst steht selbstverständlich in einem gewissen Verhältnis
zu der Natur. Man hat rhetorische und poetische Strukturen im
Verhältnis zu den Strukturen der alltäglichen, normalen
Kommunikation sekundär genannt. Diese sekundären,
kommunikativen Strukturen haben - in der Rhetorik, Stilistik,
Poetik, Hermeneutik - im Vergleich zu den primären ein enormes
Interesse der Wissenschaft erweckt. Erst in den letzten Jahren
haben sich auch die Sprachwissenschaftler wieder mit Kommunikationsproblemen
beschäftigt. In dem Augenblick, wo das geschah, öffneten
sich neue Perspektiven für Stilistik und Rhetorik, denn erst
im Vergleich mit der Natur können die Regeln der Kunst richtig
verstanden werden.
Moderne Sprachphilosophen haben untersucht, was überhaupt
gesagt wird; wie sich dieses Gesagte zu dem Verstandenen
verhält; durch welche Manipulationen des Stils sich das
Verstandene verändert. Es wird hier der Versuch unternommen,
einige der wichtigeren Ergebnisse der Sprachphilosophie mit der
Rhetorik und Stilistik zu verbinden, um einen methodischen Ausgangspunkt
für die Stilanalyse zu liefern. Als Beispiel habe ich eine
Kurzgeschichte des schwedischen Verfassers Pär Lagerkvist
gewählt (Text siehe Anhang).
Erste Vorbemerkung: Abweichung als stilistisches Merkmal
Auch wenn wir Stil nicht als Abweichung definieren
wollen - oder vielmehr können kann eine Abweichung von
einer gewissen Norm heuristisch als stilistisches Merkmal bezeichnet
werden (Spillner, 1974, S. 40). In der modernen Sprachphilosophie
hat man Regelstrukturen für die normale Konversation entdeckt,
die sich nicht nur für die Stilistik, sondern auch für
die Psychologie, die Sozialanthropologie, die Soziologie und die
Linguistik als von größtem Interesse erwiesen haben.
Obwohl diese Probleme seit langem in der philosophischen Literatur
behandelt wurden, werden sie erst jetzt auch von Linguisten systematisch
bearbeitet. Wahrscheinlich beruht das darauf, dal3 man die Grenzen
der Linguistik nach und nach erweitert hat und dal3 man heute
auch von einer pragmatischen Linguistik spricht. Daher kommt auch
das in vielen Ländern wieder erwachte Interesse an der Rhetorik,
das für die Stilistik von größter Bedeutung ist,
da sie den Text im Prozess der Kommunikation untersucht. Ich will
in diesem Aufsatz versuchen, einige der m. E. wichtigsten kommunikativen
Regeln, die in verschiedenen Quellen besprochen werden, kurz zu
systematisieren und zu zeigen, wie man sie für eine Stilanalyse
benutzen könnte.
Unter den verschiedenen philosophischen Ansätzen hat in den
letzten Jahren vor allem ein kurzer und keineswegs vollständiger
Aufsatz von H. Paul Grice großes Aufsehen erweckt. Er trägt
den Titel "Logic and Conversation" und behandelt besonders
die Implikationen, d. h. das, was nicht im Text steht, aber mit
Hilfe des Textes und der Regeln der Interpretation verstanden
wird. Für den Stilistiker ist besonders wichtig, dal3 Grice
in diesem Zusammenhang die Art des Sagens so stark betont: Die
Implikatur geht nicht aus dem Gesagten hervor, sondern aus dem
Sagen was gesagt wird, oder daraus, wie es gesagt wird" ("The
implicature is not carried by what is said, but only by the saying
of what is said, or by ,putting it that way"'; Grice, 1975,
S. 58.)
"Putting it that way" könnten wir sicher alle als
Umschreibung für Stil akzeptieren. Daher sind die Untersuchungen
von Grice und seinen Kollegen über die Verwendung und
den Gebrauch der Sprache von größter Wichtigkeit
für die Stilistik.
Zweite Vorbemerkung: Der Text als Gegenstandsbereich der Stilanalyse
Nehmen wir an , der Gegenstand de r Stilanalyse ist de r Text
. Eine Definition von Text scheint auf den ersten Blick
unproblematisch: der Text könnte objektiv als Schallwellen
oder als Buchstaben auf Papier gegeben sein. Bedenken wir aber,
daß wir vieles mitverstehen, was im Text selbst nicht gesagt
wird, dann ergibt sich das Problem, was eigentlich unter Text
zu verstehen sei. Als Text kann nämlich aufgefaßt werden:
(1) der Text als Intention des Verfassers oder Sprechers;
(2) der manifest existente Text als physisches Objekt, der
von Auge oder Ohr auf
genommen und dann interpretiert wird, d. h. das, was üblicherweise
mit Text
bezeichnet wird;
(3) der Text als interpretierter Sinn, d. h. der Leser-
oder Hörertext.
In der idealen Kommunikation entsprechen sich ( 1 ) und (3); ideale
Kommunikation ist allerdings selten.
Über Text als Intention kann nur indirekt ausgesagt
werden, nämlich via (2) und (3). Ohne Interpretation bleibt
der Text ein Ding an sich, das scheinbar - aber notabene eben
nur scheinbar! - in der physikalischen Objektwelt existiert. Die
Träger der Bedeutung des Textes, d. h. vor allem die Wörter,
haben auf dieser Ebene zwar eine lexikalische Bedeutung, aber
sie haben keinen Sinn.
Wörter bedeuten nicht nur, was im Lexikon steht; Wörter
bedeuten manchmal mehr, manchmal weniger, manchmal das Gegenteil,
manchmal etwas ganz anderes. In Kombination bedeuten Wörter
anders als in Isolation. Wörter haben Stellenwerte, die in
verschiedenen Zusammenhängen verschieden sind (Spillner,
1974, S. 102).
Der schwedische Philosoph Erik Ryding (1971) hat in einer Bemerkung
über die Verschiedenartigkeit des Sinns eines Wortes wie
Gerechtigkeit den drastischen Vergleich gemacht, daß
es ebenso unsinnig wäre, einem Wort einen ein für alle
Mal gültigen Sinn zuzuschreiben wie zu behaupten, das algebraische
x hätte eigentlich den Wert 8 - nur könnte dieser in
verschiedenen Gleichungen variieren!
Obgleich der Vergleich hinkt, klebt doch etwas von Unsinn an der
sogenannten objektiven oder manifesten Inhaltsanalyse. Allerdings
besteht zwischen der lexikalischen Bedeutung eines Wortes und
seinem Sinn in einem gegebenen Kontext ein zu bestimmendes
Verhältnis (was in dem algebraischen Beispiel nicht der
Fall ist). Der okkasionelle Sinn eines Wortes ist nämlich
von der usuellen Bedeutung keineswegs unabhängig. Eine Aufgabe
der theoretischen Stilistik [oder vielmehr Semantik] wäre
es, dieses Verhältnis aufzudecken und generelle Strategien
des Verstehens zu etablieren.
Diese Aufgabe wird dadurch kompliziert, daß das Verhältnis
zwischen einerseits dem im Text manifest vorhandenen und andererseits
dem intendierten und verstandenen Inhalt dieses Textes dem Verhältnis
zwischen dem, was man von einem Eisberg sieht, und seiner wirklichen
Größe gleicht. Zwischen dem manifesten Text und seinem
Sinn besteht also sowohl ein qualitativer wie auch ein quantitativer
Unterschied.
Es ist deswegen kein Wunder, daß wir uns oft nicht sehr
gut miteinander verständigen können - eher scheint es
ein Wunder zu sein, daß eine Verständigung überhaupt
je gelingt. Als "Wunder" erscheint dies auch in manchen
Interpretationslehren, vor allem in solchen, die das sprachliche
Kunstwerk betreffen, d. h. Texte, bei denen die kommunikative
Intention eine andere ist als im Alltagsleben.
Man kann mit Recht behaupten, daß die sogenannte Aporie
der literarischen Interpretation u. a. daher rührt, daß
man Interpretation an den allerschwersten Texten geübt hat,
ohne zuerst die allgemeinen Strategien des Verstehens und des
Sichverständigens erforscht zu haben. Frenetisch hat man
versucht, zwischen dem objektiv gegebenen Text und dem Sinn des
Textes Brücken zu schlagen - in verschiedenen Ländern
allerdings verschieden frenetisch. In Schweden hat man, mit gewisser
Anlehnung an die USA, quantitativ-statistische Versuche gemacht,
den Inhalt eines Textes zu messen, Versuche, die naturgemäß
daran scheitern mußten, daß der Sinn eines
Texts erst in dem dynamischen Wechselverhältnis einer Kommunikationssituation
entstebt.
Der Schritt von der systemimmanenten Semantik - die über
die lexikalische Bedeutung der einzelnen Wörter Bescheid
geben kann - zu einer pragmatischen Ebene die im Unterschied von
Bedeutung den Sinn der Wörter, Sätze und des
ganzen Textes untersucht, wurde von gewissen Linguisten als so
gewaltsam empfunden, daß man die Frage nach dem Sinn mit
einem "non possumus" ablehnte und die Lösungsversuche
anderer als "unwissenschaftlich" abtat.
Was aber bleibt dem Stilistiker übrig, wenn er von dem Sinn
des Textes, aus lauter Furcht, nicht wissenschaftlich genug vorgehen
zu können, überhaupt nicht reden dürfte? Wahrscheinlich
nicht viel Interessantes! Und andererseits: Wie soll der Schritt
unternommen werden? Gibt es keine Strategien der Interpretation?
Was ist eigentlich das Fingerspitzengefühl, das Geisteswissenschaftler
wie Spitzer und Staiger als Werkzeug anbefohlen? Wie sieht es
aus? Wie kann man es lernen? Um eine Interpretation zu erklären,
ist ein allgemeines Verweisen auf Diltheys "Zirkel des Verstehens"
ungenügend. Auch ist es kein besonders haltbares Argument,
wenn man, wie es Spitzer in seiner bekannten Arbeit Linguistics
and Literary History ( 1 948, S. 26f.) tut, auf "talent,
experience, and faith" verweist. Zwar brauchen wir alle Talent,
Erfahrung und Selbstvertrauen. Wenn aber unsere Interpretation
in Frage gestellt wird, wird der Opponent von unserem Talent und
unserer Erfahrung wahrscheinlich wenig halten. Und wie beweisen
wir ihm, daß unser Talent das bessere ist?
Das Problem des Verhältnisses zwischen dem Ganzen - hier
Text - und seinen Teilen - hier Wörter- ist kaum gelöst,
obgleich wir es seit Platon kennen. In aller Kürze besteht
das Problem für den Analytiker darin, daß die qualitative
Analyse der Elemente eines Textes unmöglich ist, ohne den
Text in seiner Totalität einzubeziehen, denn die Elemente
bekommen ihren Stellenwert eben aus der Ganzheit. Und gleichzeitig
ist natürlich - wie es Frege sagte - diese Ganzheit eine
Funktion der Teile. Es hilft uns wenig, wenn Giganten des Erkennens
sagen: "Alle Auslegung, die Verständnis beistellen soll,
muß schon das Auszulegende verstanden haben [. . .] Das
Entscheidende ist, nicht aus dem Zirkel heraus - sondern in ihn
nach der rechten Weise hineinzukommen" (Heidegger 1927, S.
32).
Siehe hier den Knoten: "in rechter Weise" - das ist
eben das Problem, vor dem wir jedesmal gleichermaßen betroffen
dastehen.
Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu versuchen, generelle
Strategien zu entwikkeln, die es uns ermöglichen , die "rechte
Weise " zu finden . Dazu müssen wir untersuchen, wie
Wörter und Sätze bedeuten und ihren Sinn bekommen
und wie, d. h. nach welchen Regeln, wir das, was nicht gesagt
wird, doch verstehen, also wie wir im allgemeinen und alltäglichen
das Verhältnis zwischen der Spitze und dem Rest des semantischen
Eisbergs herstellen.
Ad rem: Was wird gesagt? Was wird verstanden?
Die erste Regel, die für die folgenden ebenfalls maßgebend
ist, behandelt die Frage, worüber überhaupt gesprochen
wird, d. h. was gesagt werden soll, kann und darf. Die
Hauptregel lautet hier:
1. Was gesagt wird, ist Ausnahme. Was nicht gesagt wird, ist
normal, bekannt, konstant, "selbstverständlich"
Wir brauchen nicht lange nachzudenken, um einzusehen, daß
diese Regel fundamental ist. Wir haben keine Zeit, alles zu erzählen.
Schon aus diesem Grunde konzentrieren wir uns auf das, was wir
in unserer Konversation für interessant und relevant halten.
Wenn wir die Zeitung lesen oder Radio hören, können
wir uns allen schlimmen Nachrichten zum Trotz, dennoch darüber
freuen, daß das, was dort geschrieben beziehungsweise verlesen
wird, immer noch Ausnahmen betrifft. Ein Briefträger wird,
wenn er mittags nach Hause kommt, seiner Familie kaum berichten,
daß er Post verteilt hat. Falls er es wirklich täte,
würde man das so interpretieren, dies sei eine Ausnahme gewesen.
Anekdoten geben gewöhnlich gute Beispiele ab: Es heißt
von einem Kapitän, er hätte einmal ins Logbuch eingetragen:
"Heute war der Steuermann betrunken." Als die Reihe
an den Steuermann kam, das Logbuch zu führen, rächte
er sich, indem er schrieb: "Heute war der Kapitän nüchtern".
Aus der Implikation, daß dies eine Ausnahme zu sein scheint,
können wir die Regel überprüfen: was gesagt wird,
ist Ausnahme, also pflegt der Kapitän betrunken zu sein.
Hier kann parenthetisch hinzugefügt werden, daß in
dieser Regel wahrscheinlich die Ursache für eine große
Zahl von Mißverständnissen zu suchen ist: sie entstehen
dadurch, daß wir nämlich das Selbstverständliche
nicht aussprechen. Was nämlich für den einen selbstverständlich
ist, braucht dies keineswegs auch für den anderen zu sein.
Die Regel, daß wir annehmen, daß, wenn nicht ausdrücklich
etwas anderes gesagt wird, sich alles konstant verhält, können
wir am folgenden Beispiel überprüfen: wenn wir aus der
Werbung erfahren, daß die größere Packung des
Waschmittels XYZ um 20 % billiger geworden ist, würden wir
uns ärgern, wenn es sich herausstellt, daß die Packung
auch um 30% kleiner geworden ist. Wir würden uns mit Recht
betrogen fühlen, obgleich nichts Unwahres gesagt wurde! (Daß
wir normalerweise die Wahrheit sagen, ist übrigens eine sehr
wichtige Regel, die im nächsten Abschnitt besprochen wird.)
Eine zweite Hauptregel lautet:
2. Was gesagt wird, ist für das Ziel der Kommunikation
relevant
Da auch nicht alles gesagt werden kann, was unnormal, unbekannt
oder inkonstant ist, kommt diese zweite Regel hinzu. Die Ziele
der sprachlichen Kommunikation decken sich mit den Funktionen
der Sprache wie sie zu erst Bühler (1934) formulierte und
dann von Jakobson (1960) ergänzt worden sind, nämlich
Information (die Symbolfunktion)
Aufforderung (die Appell- oder Signalfunktion)
Ausdruck (die Symptom- oder Ausdrucksfunktion)
Kontakt (die phatische Funktion; nach Jakobson)
Genuß (die poetische Funktion; ebenda)9
Es sei bemerkt, daß wir jede sprachliche Äußerung
in der gleichen Weise als relevant interpretieren wie wir andere
Handlungen als rationell beurteilen. Wir interpretieren also die
Äußerungen nach dem Ziel der Kommunikation, und das
Ziel der Kommunikation nach den Äußerungen, wobei wir
immer danach streben, dem Gesagten einen möglichst hohen
Grad von Relevanz zuzuteilen.
Seit Bühler wissen wir, wie der Satz "Es regnet"
verschiedene Funktionen bekommen kann: er kann unter Umständen
nur zur Information über den Sachverhalt dienen, er kann
als Signal dienen, einen Regenmantel anzuziehen, er kann Unbehagen
des Sprechers über die Tatsache ausdrücken. Gesetzt
den Fall, unser Nachbar in der Autobusschlange äußert
den Satz, während wir beide im strömenden Regen warten,
werden wir ihn erstens als Symptom, zweitens aber auch als Konversationseröffnung
interpretieren. Für die Konversationseröffnung gilt
die Regel, dal3 sie möglichst unkontroversiell und kontextuell
relevant sein soll, damit ein Kanal gepeilt werden kann. Welche
Funktion ein Satz bekommt, wird also vom Kontext und von den Umständen
bestimmt. Es gibt zwar unendlich viele Umstände, aber da
die Funktionen begrenzt sind, können wir trotzdem Interpretationsstrategien
entwickeln. Soviel kann man schon aus Bühlers Sprachtheorie
herauslesen. Was die moderne angelsächsische Philosophie
dieser grundlegenden Theorie noch hinzufügt, ist, dal3 das
Prinzip der Kooperation, die eine Voraussetzung für alle
Kommunikation ist, auch bestimmt, wie Äul3erungen abgefal3t
und verstanden werden. Nicht nur wird die Funktion einer beliebigen
Äußerung aus dem Redezweck verstanden, sondern auch
der Redezweck wird von den konkreten Ausdrücken aus interpretiert,
und zwar unter der Voraussetzung, dal3 eine Äußerung
immer irgendwie relevant sein mul3. Wenn der Sprecher offenbar
keine Information vermitteln will, z. B. wenn wir das Vermittelte
ebenso gut wissen wie er, werden wir den Redezweck anders interpretieren.
(Es wäre übrigens interessant, empirisch festzustellen,
ob die Funktionen nicht hierarchisch geordnet sind, d. h. ob wir
nicht die Funktionen in einer gewissen Reihenfolge prüfen
und evtl. verwerfen.)
2 a. Wie das Gesagte gesagt wird, ist für das Textganze
- und damit auch für das Ziel der Kommunikation - relevant
Die Regel der Relevanz gilt auch auf einer niedrigeren Ebene.
Sie regelt nämlich die dispositio, d. h. die Art,
wie die Teile des Textes zusammengesetzt werden, und daher auch
die Art, wie wir den Zusammenhang der Textelemente interpretieren.
Die alte Regel der Disposition lautet: Was zusammen gehört,
soll zusammen behandelt werden. Sie ist für die Interpretation
von fundamentaler Bedeutung. Nach der Regel der Relevanz werden
auch Verbindungen von Sätzen verstanden: wenn im Text zwei
Sätze zusammen vorkommen, werden sie als wechselseitig füreinander
relevant interpretiert. Das heißt, dal3 wir sie, wenn es
überhaupt möglich ist, in einen Zusammenhang bringen.
Nehmen wir als Beispiel
Karl ist nach Australien gezogen. Seine Freundin hat Schlu gemacht.
Auf der Textoberfläche besteht kein logischer Zusammenhang
zwischen den beiden Sätzen. Die Tatsache aber, dal3 sie zusammen
stehen, bringt uns zu der Vermutung, daB sie sich auch inhaltlich
nahe ständen. Den Zusammenhang werden wir dann wohl kausal
interpretieren:
a) . . . Deshalb hat seine Freundin. . . b) . . . weil seine Freundin.
. .
Welche von diesen Interpretationen die wahrscheinlichere ist,
hängt - wie so vieles andere! - vom Kontext ab. Falls die
Sätze auf die Frage "Was ist aus Karls Freundin geworden?"
eine Antwort darstellen, in der die Freundin topic oder Text-Zentrum
ist, wäre vielleicht a) die nächstliegende Interpretation,
obwohl b) nicht ausgeschlossen ist. Wenn aber ,Karl' Text-Zentrum
ist ("Was ist aus Karl geworden?) dann ist die Interpretation
b) die natürlichere. Wir verstehen also den zweiten Satz
als Ursache des Inhalts des ersten, obwohl die Sätze in der
umgekehrten zeitlichen Folge stehen.
Die Sprache verfügt über etliche Mittel, Zusammenhänge
klar zu machen und unerwünschte Interpretationen zu verhindern.
Außer den schon oben genannten Konjunktionen, kann ein bloßes
und zwischen den Sätzen sie in eine zeitliche Folge
bringen. Auch ein Wechsel der Zeitformen könnte den beabsichtigten
Sinn klar machen. Wie so oft zeigt sich ein konstruierter Fall
komplizierter als gewünscht; um das Prinzip zu beleuchten,
daß wir Sätze, die in unmittelbarer Nähe vorkommen,
als begrifflich-inhaltlich miteinander verbunden interpretieren,
will ich deshalb auch ein authentisches Beispiel geben. In
einem Handbuch einer schwedischen Versicherungsgesellschaft las
ich vor kurzem folgendes:
Unsere Sitzungen sollen in einem möglichst harmonischen und
entspannten Milieu stattfinden; man soll u. a. darauf achten,
daß eine schwarze Tafel vorhanden ist.
Dadurch daß die schwarze Tafel hier als Voraussetzung oder
Prerequisite eines harmonischen und entspannten Milieus dargestellt
wird, entsteht ein komischer Effekt, der zeigt, welche Folgen
die Regeln der Relevanz für die Regeln der rationellen Disposition
hat: Was zusammen gehört, soll zusammen behandelt werden.
Sonst werden wir sowohl Schwierigkeiten haben, die beabsichtigten
Zusammenhänge richtig zu verstehen, als auch Gefahr laufen,
unbeabsichtigte Zusammenhänge in den Text hineinzulesen.
Selbstverständlich können diese Regel und ihre Folgen
auch dazu führen, daß Zusammenhänge insinuiert
werden. Eben weil sie unausgesprochen bleiben, sind sie um so
schwerer zu widerlegen.1l Die Relevanzregel kann daher zur folgenden
Regel führen:
2 b Wenn zwei Sachverhalte, die in einem Text zusammen genannt
werden, in einem Kausalzusammenhang zueinander stehen können,
wird der Zusammenhang auch als solcher interpretiert
Wie wir gesehen haben, gilt diese Regel also auch - und nicht
zuletzt - wenn Konjunktionen und Adverbien, die in der Sprache
solche Zusammenhänge ausdrücken, fohlen. Daher können
also völlig irreführende Insinuationen entstehen, obwohl
die tatsächlich genannten Sachverhalte wahr sind.
Was hier diskutiert worden ist, läßt sich als Aspekte
des in der Rhetorik bekannten ordo naturalis betrachten,
d. h. eine naturgemäße Norm der Ordnung der Information.
Daß eine Verletzung des ordo naturalis, die nicht
als ordo artificialis anzusehen ist, zu einer unwahren
Interpretation leiten kann, scheint in der klassischen Rhetorik
nicht besprochen zu sein. Sonst ist allerdings das Fundament für
die hier genannten Regeln entweder in der ars bene dicendi
elaboriert oder - wohl doch öfters -schweigend vorausgesetzt.
Die Verbindung der Elemente des Texts ist letztlich auch Forschungsgebiet
der Textlinguistik, die sich allerdings hauptsächlich mit
den im Text manifest gegebenen Elementen befaßt hat. Dazu
kommt, daß sich die Textlinguistik bis jetzt hauptsächlich
mit geschriebenen Texten befaßt hat. Ein geschriebener Text
ist im allgemeinen sehr viel expliziter als ein alltäglicher
gesprochener. In dem Ausmaß, in dem sich Stilistik und Textgrammatik
dafür interessieren, was "zwischen den Zeilen steht",
werden natürlich die unausgesprochenen, aber intendierten
und verstandenen (und mißverstandenen) Verbindungen zwischen
den Textelementen von höchstem Interesse.
Wie verhält sich die Relevanzregel in der fiktiven Literatur?
Erstens können wir konstatieren, daß die Einteilung
in verschiedene Arten und Gattungen nicht nur aus formaler und
inhaltlicher Sicht vorgenommen wird, sondern auch aus der Sicht
des Redezwecks; ich brauche hier nur die Moralität oder die
Unterhaltungsliteratur zu nennen. Zweitens werden wir in der Literatur
eine noch viel höhere Forderung an Relevanz stellen als in
der alltäglichen Konversation, denn die Literatur beschreibt
ja, auch bei größter epischer Breite, nur einen winzigen
Ausschnitt der möglichen Wirklichkeit. Je komprimierter das
Genre, um so relevanter ist jedes Wort. Das wird sich in der Analyse
der Novelle von Pär Lagerkvist im letzten Abschnitt zeigen.
Zum guten Stil im Alltagsleben gehören auch die vielen Regeln,
worüber man nicht spricht und was man nicht sagt.
Auch diese sind natürlich dem Rationalitäts- und Relevanzprinzip
untergeordnet. Nach den gegebenen Konventionen versuchen wir,
so wenig Unbehagen wie möglich zu erwecken. Das führt
u. a. zu Euphemismen und zur Unterdrückung negativer Information,
was uns zu einer Folgeregel bringt:
I a Wenn etwas Erwartetes und Unbekanntes verschwiegen wird,
interpretieren wir das nicht Gesagte als weniger gut als das Gesagte.
Grice (1975, S. 52) gibt ein gutes Beispiel:
A is writing a testimonial about a pupil who is a candidate for
a philosophy job, and his letter reads as follows: ,Dear Sir,
Mr. X's command of English ist excellent, and his attendance at
tutorials has been regular. Yours, etc.' (Gloss: A cannot be opting
out, since if he wished to be uncooperative, why write at all?
He cannot be unable, through ingnorance, to say more, since the
man is his pupil; moreover, he knows that more information than
this is wanted. He must, therefore, be wishing to impart information
that he is reluctant to write down. This supposition is tenable
only on the assumption that he thinks Mr. X is no good at philosophy.
This, then, is what he is implicating.)
Grice bezeichnet die Antwort als Verstoß (flouting) gegen
eine Regel der Quantität, die wir im nächsten Abschnitt
besprechen; daher der Ausdruck more information im "Gloss".
Wovon hier aber in erster Linie die Rede sein sollte, ist, daß
die gegebene Information für die Frage nicht relevant ist
und daß das Vermeiden oder Ausweichen an sich ein Indiz
dafür ist, dal3 die nicht gegebene Information unvorteilhaft
ist. Andere Regeln, die z. B. die Höflichkeit angehen (Lakoff,
1973), können in diesem Zusammenhang vernachlässigt
werden.
Irreführung ist uns in der idealen Kommunikation untersagt.l3
So eigentümlich es auch klingen mag, auch im Alltagsleben
gilt die Regel, die man in England bei der Vereidigung von Zeugen
gebraucht. Man sagt nämlich im Normalfall: "The truth,
the whole thruth and nothing but the truth."
3. Was gesagt wird, ist ernst gemeint und wahr
Die Regel mag zunächst eigentümlich klingen: allzuwohl
wissen wir, daß dies eine Norm ist, von der oft abgewichen
wird. Aber immer noch ist die Abweichung die Ausnahme, und anders
könnte es wohl auch nie sein. Das berühmte Paradox des
Lügners, der sagt "Ich lüge immer", genügt,
um zu zeigen, wie wichtig es ist, den Wahrheitswert eines Satzes
bestimmen zu können. Auch wäre es wahrscheinlich unmöglich,
überhaupt je kommunizieren zu lernen, wenn diese Grundvoraussetzung
nicht bestehen würde. Da uns das Lügen verboten ist,
können wir, wie oben schon gezeigt wurde, ohne zu lügen
doch irreführen, indem wir die Implikationen des Gesagten
irreführend werden lassen.
Man hat aber auch diese Voraussetzung tatsächlich ganz bewußt
ausgenutzt, um Lügen zu verbreiten. Adolf Hitler war sich
dessen bewußt, als er in Mein Kampf (1930, S. 252f.)
folgendes schrieb:
Man ging dabei von dem sehr richtigen Grundsatze aus, dal3 in
der Größe der Lüge immer ein gewisser Faktor des
Geglaubtwerdens liegt, da die breite Masse eines Volkes im tiefsten
Grunde ihres Herzens leichter verdorben, als bewußt und
absichtlich schlecht sein wird, mithin bei der primitiven Einfalt
ihres Gemütes einer großen Lüge leichter zum Opfer
fällt als einer kleinen, da sie selber ja wohl manchmal im
kleinen lügt, jedoch vor zu großen Lügen sich
doch zu sehr schämen würde. Eine solche Unwahrheit wird
ihr gar nicht in den Kopf kommen, und sie wird an die Möglichkeit
einer so ungeheuren Frechheit der infamsten Verdrehung auch bei
anderen nicht glauben können, ja selbst bei Aufklärung
darüber noch lange zweifeln und schwanken und wenigstens
irgendeine Ursache doch noch als wahr annehmen; daher denn auch
von der frechsten Lüge immer noch etwas übrig und hängen
bleiben wird - eine Tatsache, die alle große Lügenkünstler
und Lügenvereine dieser Welt nur zu genau kennen und deshalb
auch niederträchtig zur Anwendung bringen.
Dazu sei nur bemerkt, daß wir um so leichter etwas glauben,
als wir es glauben wollen.
Anders und viel komplizierter ist die Frage, wie sich in der
schönen Literatur die Wahrheit zur Fiktion verhält.
Das Paradox Jurij Lotmans (1967) ist sehr treffend:
"Ich weiß, daß dies nicht ist, was es vorstellt,
aber ich sehe genau, daß es ist, was es vorstellt".
Hier sind nur einige Bemerkungen im Hinblick auf die Diskussion
über den Text von Lagerkvist am Platz: Der Leser eines fiktiven
Textes ist immer geneigt, den Text irgendwie in Beziehung zu seiner
eigenen Realität zu interpretieren. Auch ein offenbar unrealistischer
Text wird - wenn überhaupt möglich - als Modell der
Wirklichkeit gelesen. Sogar Märchen, wo der Name der Gattung
eigentlich den Vergleich mit der Wirklichkeit verbieten sollte,
sind z. B. als psychologische Allegorien interpretiert worden.
Da wir die Forderung nach Wahrheit in einem fiktiven Text nicht
stellen können, wird sie (wenigstens in der realistischen
Literatur) von einer hohen Forderung nach Wahrscheinlichkeit
ersetzt. Wenn sich Menschen in einem fiktiven Text unwahrscheinlich
benehmen, werden wir das auch in erster Linie aus unserer Erfahrung
der Wirklichkeit zu interpretieren versuchen, obwohl sich diese
fiktiven Menschen eigentlich ebenso eigentümlich benehmen
könnten wie Marsianer. 15
Die ganze Wahrheit
Unsere nächste Regel ist von allergrößter
stilistischer Bedeutung:
4. Man liefert so viel Information, wie es der Redezweck verlangt,
weder mehr noch weniger
Mit "viel" wird hier sowohl Quantität als auch
Qualität gemeint. Aus quantitativer Sicht entspricht der
letzte Teil dieser Regel dem Gebot des "the whole truth".
Wenn man wichtige Faktoren verschweigt, führt man irre, auch
wenn man nichts Unwahres sagt. Dies ist vielleicht die bekannteste
der Regeln, von denen hier gesprochen wird. Es ist allgemein bekannt,
daß z. B. Politiker verschweigen, was ihnen unangenehm ist
und sie in ihrer Karriere hindert.
4a. Das Maximalprinzip
Gegen die Regel des ernst Gemeinten operieren gewisse rhetorische
Mittel, die uns erlauben, der Wirkung wegen zu übertreiben,
zu wenig zu sagen und gar ironisch zu werden. Litotes, Hyperbel
und Ironie sind wahrscheinlich die bekanntesten Stilmittel. Sie
wären überhaupt nicht möglich, wenn es keine Norm
gäbe, von der in diesen Fällen abgewichen wird. Die
Norm ist von Ryding ( 19 71 ) so formuliert worden: Die Sprache
wird nach einem Maximal-Prinzip gebraucht. Das bedeutet: wir verwenden
so starke Ausdrücke wie möglich, ohne mit der Wahrheit
in Konflikt zu kommen. Das Prinzip wird an graduellen Wörtern
besonders deutlich. In einer Sauna ist es 100°. Wenn man mich
fragt, ob die Sauna warm sei, ist meine korrekte Antwort, sie
sei heiß, sogar sehr heiß, glühend oder
"beinahe nicht zu ertragen". Warm wäre nicht
stark genug; ziemlich warm wäre offenbar schon eine
Litotes. Ganz kalt wäre vielleicht sogar mehr als
Litotes und könnte in einer adäquaten Situation als
ironisch verstanden werden. Diese Regel des maximalen Ausdrucks
ist nicht nur dadurch interessant, daß sie das Fundament
von drei der gewöhnlichsten stilistischen Mittel ausmacht,
sie besagt auch, daß wir in unserer kommunikativen Kompetenz
Konventionen haben, die den Grad gewisser Inhaltsfaktoren sehr
genau regeln.
Wenn wir das Gegenteil von dem meinen, was wir sagen, (und manchmal,
aber gewiß nicht immer, kommunizieren), sind wir ironisch.
Als ironisch werden auch solche Äußerungen bezeichnet,
die der Sprecher nicht (ganz) ernst meint und mit welchen er sich
nicht völlig identifiziert. Diese Art der Ironie kann in
der Literatur in verschiedenen Formen vorkommen. Es scheint mir,
daß die primäre Voraussetzung der Ironie ist, daß
der Sprecher etwas nicht (ganz) im Ernst meint: daher wahrscheinlich
die enge Beziehung zwischen Ironie und Humor.
Das Maximalprinzip und das Relevanzkriterium vereinen sich in
der Forderung ". . . die ganze Wahrheit". Immer die
ganze Wahrheit zu sagen, wäre nicht nur unmöglich, sondern
vor allem zwecklos: "die ganze Wahrheit" bezieht
sich natürlich auf die für den Gesprächspartner
oder für das Thema relevante Wahrheit. Es ist sehr wohl möglich,
daß ich bei gewissen Praesuppositionen mit der Antwort,
daß die Sauna warm sei, völlig zufrieden bin,
gesetzt den Fall, wir wissen, daß in dem gegebene Kontext
mit warm gemeint ist, daß man jetzt in der Sauna
baden könne. (Da eine Sauna erst warm ist, wenn sie heiß
ist, wäre es vielleicht sogar überflüssig anzugeben,
daß sie glühend heiß ist!) Wenn ich aber
auf einer Party meinen Gesprächspartner frage: "Kennen
Sie die entzückende Frau, die dort in der Ecke steht?"
und er antwortet "Ja", kann sich diese Antwort unter
Umständen als "zu wenig Wahrheit" enthaltend erweisen
- z. B. wenn sie seine Frau ist.
Das Maximal-Prinzip wirkt sich also einerseits quantitativ aus:
die Regel bedeutet hier, daß man alle relevanten Umstände
(die wahr sind und die man ernst nimmt) nennen muß,
um das Ziel der Kommunikation zu erreichen. Qualitativ wirkt es
sich so aus, daß man sich genau so stark ausdrückt,
wie es die Situation fordert. Und obwohl diese Regeln beim ersten
Anschein sehr porös und vage scheinen, merken wir im Alltagsleben,
daß sie wirklich befolgt werden und daß jede Abweichung
davon zu kleineren oder größeren Mißverständnissen
führt. In der Rhetorik und Stilistik ist dieses Prinzip seit
Jahrhunderten selbstverständlich gewesen, aber m. E. erst
jetzt -explizit formuliert worden.
Nichts als die Wahrheit
Weil weniger bekannt, ist die Regel "man soll nicht zu
viel sagen" wohl interessanter. Sie hängt natürlich
eng mit der Relevanzregel zusammen. Wenn wir zu viel Information
bekommen, kann durch die Menge das Wichtige und Relevante verdrängt
werden. Andererseits verhält es sich so, daß die Menge
der Information tatsächlich auch das Thema des Texts beeinflußt.
Deutlich ist das an einem Theaterstück sichtbar: Hamlet ist
eben in dem Shakespearedrama die Hauptperson kraft der Menge seiner
Repliken. Der Held des Dramas kann niemals Fortinbras sein; dafür
kommt er zu wenig vor. 17 Wenn er viel mehr zu sagen hätte,
und das Drama immer noch von Hamlet handeln soll, würde man
dem Verfasser vorwerfen, er hätte sein Stück schlecht
disponiert.
Die Regel wirkt sich auch in einem ganz anderen Bereich interessant
aus: wenn wir mehr Information liefern als nötig, indem wir
den Wahrheitsgehalt unserer Aussage explizit bestätigen (z.
B. "Ich habe das-und-das gemacht. Das ist auch wirklich wahr."),
so wird der Konversationspartner normalerweise eher den Verdacht
hegen, die Aussage sei nicht wahr!
Es ist so selbstverständlich, daß man die Wahrheit
spricht, daß der bloße Verweis darauf Verdacht erregt.
Denn wie wir aus Regel 1 entnehmen, braucht man ja das Selbstverständliche
nicht verständlich zu machen! Daß der Wahrheitswert
als selbstverständlich betrachtet wird, kommt auch bei der
Entwicklung einiger Adverbien zum Vorschein: Wörter wie gewiß,
sicher, bestimmt bezeichneten ursprünglich etwas Gewisses,
Sicheres und Bestimmtes. Wenn sie aber als (unbetonte) Adverbien
vorkommen, bezeichnen sie in der modernen Sprache eher das Gegenteil
oder wenigstens einen sehr beschränkten Grad von Sicherheit,
usw. "Er kommt morgen nach Göteborg" ist unzweideutig
eine faktische Aussage. In einem Satz wie: "Er kommt sicher/bestimmt/gewiß
morgen nach Göteborg" ist es eben nicht mehr so sicher,
gewiß oder bestimmt. Dies sei hier nur als Beispiel dafür
angeführt, wie pragmatische Faktoren auch auf der linguistischen
Ebene deutliche Spuren hinterlassen. Eine klassische rhetorische
Regel,18 die Grice wieder aufgreift, lautet in einer nicht normativen
Form:
5. Die Aussage ist so klar und eindeutig, wie es der Redezweck
erfordert
Hier wird man wohl - wenn nicht früher - einen Einwand
erheben. Allzuwohl wissen wir, daß diese Regel nicht befolgt
wird. Gegen den verworrenen Stil der Behörden und der Obrigkeit
hat man in den letzten Jahren protestiert - eben weil die Behörden
gegen diese Regel entweder verstoßen haben oder mit ihrer
komplizierten Sprache nicht nur Information geben wollen, sondern
auch einen anderen Redezweck haben, nämlich gerade die Obrigkeit
auszudrücken und auszuüben. Nach Grice sind die Folgeregeln:
5a Vermeide dunkle und mehrdeutige Ausdrücke
Sb Vermeide, langweilig zu sein 19
Gegen die erste Aufforderung verstößt häufig
die fiktive Literatur, deren poetischer Wert gerade in der Doppeldeutigkeit
oder Ambiguität liegen kann. Wir werden auch, wie oben schon
gesagt wurde, den Redezweck danach beurteilen, wie die Aussagen
sich zu den Regeln der Konversation verhalten: Vor einer ambiguösen
Aussage werden wir also die Frage stellen, ob die Mehrdeutigkeit
nicht gerade der Redezweck sei. Besonders ist das in Situationen
der Fall, wo wir a priori nicht erwarten, daß der Text beabsichtigt,
in erster Linie Information zu vermitteln. Auch bei Literatur,
die offenbar tendenziös ist, wird die Botschaft öfters
indirekt vermittelt. Das kann sowohl aus politischen wie aus ästhetischen
Gründen geschehen. In beiden Fällen werden wir nicht
nur die Botschaft, sondern auch in hohem Mal3e die oblique Art
ihrer Vermittlung als eine Qualität (ob gut oder schlecht)
des Textes empfinden, und wir werden als erste Hypothese formulieren,
daß der Sprecher oder Verfasser die Doppeldeutigkeit absichtlich
zustande gebracht hat. Wie wir in der Anmerkung I A sehen, wird
ein Verstoß gegen eine Regel, sei sie grammatisch (wovon
dort die Rede ist) oder pragmatisch, abhängig von unserer
Beurteilung der Intention des Senders interpretiert. Wollen wir
Auskunft haben, ist Ambiguität ein Fehler des Redners; wollen
wir ästhetisch-intellektuellen Genuß, ist er ein Verdienst.
Vermeiden, langweilig zu sein, ist eine Kombination von zwei schon
behandelten Regeln, nämlich die der Relevanz und die der
Quantität. Wenn man von etwas spricht, was dem Redepartner
nicht relevant vorkommt, und wenn man es noch dazu lange tut,
entsteht Langeweile. Das Problem ist von ungeheurer Wichtigkeit,
wenn man bedenkt, wie viel an Information der Gesellschaft für
den Empfänger nicht nur irrelevant, sondern vielmehr unangenehm
sein mul3! Das Problem tritt für die Soziolinguistik auch
in der Kommunikation zwischen jungen und alten Leuten auf und
wird dort untersucht. Alte und junge Leute sprechen über
verschiedene Dinge und sprechen auch verschieden, was beides zu
kommunikativen Störungen führen kann. Allzugut kennt
auch die Presse die Regel der Langeweile: die Sensationshascherei
auch in ernsthaften Publikationen ist die negative Folge solcher
Kenntnis.
Die kommunikativen Regeln und die Stilanalyse
Die Regeln, die ich besprochen habe, sind alle von solcher
Komplexität, daß gewiß vieles ausgelassen ist
und anderes nur angedeutet werden konnte. Es dürfte jedoch
offenbar sein, dal3 sie alle von größter Relevanz für
die Stilistik sind.20 Als Beispiel dafür, wie die Regeln
der alltäglichen Kommunikation zum Aufschlüsseln eines
literarischen Texts gebraucht werden können, habe ich eine
Kurznovelle des schwedischen Verfassers Pär Lagerkvist gewählt.
Die Kenner seiner bekanntesten Romane aus der Zeit während
und nach dem zweiten Weltkrieg werden ihn wohl nicht so leicht
erkennen; der Stil ist hier ein ganz anderer. Der Text ist einer
Sammlung mit dem Titel Böse Märchen (1924) entnommen.
Eine Stilanalyse kann sich auf verschiedene Ebenen des Texts beziehen.
Die "rein linguistische" könnte in unserem Fall
z. B. versuchen, den Text zwischen Umgangssprache und literarisch
gehobener Sprache einzuordnen. Diese Ebene ist für unsere
Zwecke nicht relevant, da es sich hier um einen Versuch handelt,
die Regeln der normalen Kommunikation bei der Stilanalyse zu überprüfen.
Zwar konnte man den wenig komplizierten Satzbau und die umgangssprachliche
Form vieler Textstellen der Regel 5 zuordnen. Aber auch weil es
sich hier um eine Übersetzung handelt ist eine linguostilistische
Untersuchung nicht genauso interessant wie die der Inhaltsebene.
Die Methode
Um in den Zirkel des Verstehens "recht hineinzukommen",
wollen wir versuchsweise den hier besprochenen Regeln der normalen
Kommunikation an diesem exemplarischen Text folgen. (Der Text
ist als Anhang beigefügt. Die Ziffern hinter Zitaten bezeichnen
die Satznummer.) Die Reihenfolge, in der die Regeln überprüft
werden, ist dabei natürlich willkürlich und bei einer
authentischen Stilanalyse würde man wahrscheinlich auch mehrere
Regeln auf einmal behandeln.
Die erste unserer Regeln verlangt, daß nur das gesagt wird,
was unnormal und unbekannt ist. Diese Forderung dürfte unser
Text wohl in ungewöhnlichem Maße erfüllen! Was
hier erzählt wird, muß als eine ganz extreme Ausnahme
bezeichnet werden; jedenfalls wirkt es auf den ersten Anschein
so. Wir werden allerdings Anlaß haben, auf diese Frage zurückzukommen.
Die zweite Regel heißt: Was gesagt wird, ist für das
Ziel der Kommunikation relevant. Wir werden hier systematisch
die verschiedenen Redefunktionen abtasten. Als Information (wie
eine Notiz in der Tageszeitung) funktioniert der Text kaum.
Vor allem fehlt es an Konkretion u. a. an Namen und Zeitangaben;
wenn wir den Text als informativ verstehen wollten, mußten
wir dies Fehlen als einen Verstoß gegen die Regel 4 klassifizieren:
"Man liefert so viel Information, wie es der Redezweck verlangt".
Die Absicht des Verfassers wird also nicht sein, uns über
einen konkreten, realen Vorfall zu unterrichten. Da der Text nicht
unmittelbar mit einer der anderen Funktionen verbunden werden
kann, müssen wir die Frage nach dem Redezweck bis nach der
weiteren Analyse aufschieben. Da Redezweck ja hier dasselbe ist
wie die Intention des Verfassers, wird das niemanden wundern,
der sich mit dieser komplizierten Frage auseinandergesetzt hat.
Aber schon die bloße Einsicht, daß es sich hier um
etwas anderes handelt als "straightforward information",
wird die Interpretation ausschlaggebend beeinflussen.
Die weitere Entwicklung der Regel 2a, die nach der textinternen
Relevanz fragt, führt zur Analyse der im Text vorkommenden
Sachverhalte und ihrer Beziehungen.
Wie es für einen so kurzen Text nicht ungewöhnlich ist,
ist er auf ein einziges Thema konzentriert, nämlich das "Unternehmen",
das im Text unter verschiedenen Benennungen immer wieder vorkommt:
außer Unternehmen heißt es Vorführung,
Sensation, Idee, Schauspiel und Scheußlichkeit. Außerdem
werden pronominale und unbestimmte Ausdrücke wie alles,
so etwas, die Sache, etwas Derartiges, das Ganze dafür
gebraucht. Die Konzentration des Texts auf dieses Motiv ist auffällig:
kein einziges Wort bezieht sich nicht direkt oder indirekt
auf das Unternehmen oder auf eins der beiden damit eng verbundenen
Nebenthemata, den "Helden" selbst und sein Motiv: das
Geld. Wenn sich bei einer solchen Konzentration ein Satz finden
sollte, der zunächst nicht für das Thema relevant zu
sein scheint, werden wir versuchen, ihn doch so zu interpretieren,
daß er Relevanz bekommt. Das könnte hier auf die Beschreibung
des Helden (21) angewandt werden: Wo alles so allgemein dargestellt
wird, warum wird dann überhaupt davon gesprochen? Entweder
ist die Beschreibung des Helden ein Verstoß gegen die Regel
4, also überflüssig (und damit etwas, was den Text langweilig
macht), oder wir suchen ihre Relevanz in einer Interpretation
des Textes als Ganzem, in dem der betreffende Abschnitt einen
Sinn bekommt. Dies ist eine allgemeine Regel der Interpretation,
die sich mit der Konversationsregel der Relevanz deckt (siehe
Anm. 12). In einem idealen Text (und auch in Texten, die vielleicht
nicht ideal, aber sehr gut sind!) hat also jedes Wort eine bestimmte
beziehungsweise bestimmbare Funktion. Von dieser Voraussetzung
muß jedenfalls die Interpretation als Hypothese ausgehen.
Erst wenn alle Versuche scheitern, einem bestimmten Textelement
im Textganzen einen Sinn zuzuschreiben, dürfen wir das Textelement
als redundant oder überflüssig bezeichnen. Man muß
allerdings stets bedenken, daß der Redezweck erstens nicht
nur eine Funktion betreffen, zweitens nicht immer mit gleicher
Deutlichkeit (d. h. hier mit demselben Grade von Relevanz) hervortreten
wird.
Es zeigt sich nun, daß die Beschreibung des jungen Mannes
als Schlüssel zu einer Interpretation des Textes dienen kann.
Er wird vom Verfasser als "ein typischer Vertreter der besten
Jugendlichen von heute, willensstark und gesund" (21) gekennzeichnet.
Der Leser wird fragen, wie sich diese Gesundheit mit dem "Unternehmen"
vereinen läßt. Wie ist ein vernünftiger Zusammenhang
herzustellen zwischen dem männlichen Ideal, das der "Held"
vertritt, und seinem Vorhaben, sich für 500 000 von einem
Kirchturm zu stürzen, um den Einwohnern der Stadt Vergnügen
zu bereiten? Vielleicht stellt sich der Leser sogar schon nach
dem ersten Satz, der einen so großen Teil der Information
der ganzen Geschichte enthält, dieselbe Fragen wie die Einwohner
der Stadt es im letzten Absatz des Texts tun. Man wird auch nach
dem eigentlichen Motiv des jungen Mannes fragen: er tut es angeblich
des Geldes wegen - "was muß man nicht alles fürs
Geld tun?" (18) - aber mehr, als daß er im besten Hotel
der Stadt über zwei Zimmer verfügt, scheint für
ihn ja nicht dabei herauszukommen. Da von einer Familie im Text
nicht gesprochen wird, existiert kraft der Regeln der fiktiven
Literatur auch keine, und für den jungen Mann ist die ganze
Geschichte ein irrsinniges "Geschäft". Er hat von
seinem "Opfer" nichts, und, wie es sich im letzten Absatz
zeigt, auch die Einwohner der Stadt nicht. Was uns Lesern sehr
eigentümlich vorkommen wird, ist, daß man diesen Irrsinn
in der Stadt nicht schon früher eingesehen hat. Es wird uns
im Gegenteil auffallen, wie konsequent die Idee von den Einwohnern
als völlig normal betrachtet wird. Nur an einer Stelle (24)
wird von Leuten gesprochen, die "mehr Verstand hatten".
Ihr Einwand ist aber nur: "geschickt gemacht", und sie
erweisen sich also als mindestens ebenso unverständig wie
die anderen. Dem Leser wird die ganze Geschichte eigentümlich
vorkommen. Er wird nach einem Kommentar fragen, denn auch als
pure Unterhaltung scheint der Text schlecht zu funktionieren.
Das unsinnige Benehmen der Personen im Text wird bei dem Leser
den Verdacht erwecken, daß etwas anderes gemeint ist, als
es oberflächlich erscheint. Wir werden annehmen, daß
die wichtige Regel 3 verletzt ist, d. h. daß der Verfasser
etwas anderes meint als er sagt.22
Was in dieser Stadt geschehen soll, wird von den Einwohnern nicht
nur für moralisch einwandfrei, sondern auch für äußerst
anregend gehalten: das Konsortium sei über alles zu loben
(26). Die wenigen Einwände, die trotzdem erhoben werden,
sind nach unserem Maßstab völlig verfehlt. Es handelt
sich nämlich nur um die Kosten: vor der Vorführung werden
die teuren Eintrittspreise in der Perspektive des Konsortiums
gesehen und mit dem Risiko motiviert (27); nach der Vorführung
ist die Kritik gegen "solchen Scheußlichkeiten"
auch nur ökonomisch begründet: "Es war schon teuer
bezahlt [. . .]" (37) Das "Geschäft", von
dem hier die Rede ist, kann nur einen einzigen Zweck erfüllen,
nämlich dem Konsortium Geld einbringen. Von hier aus eine
politische Interpretation des Texts zu liefern, wird dem Leser
nicht schwer fallen.
Wir sehen, wie eine Diskrepanz entsteht zwischen der moralischen
Norm des Lesers und der, die in der besprochenen Stadt herrscht.
Eine gleichartige Diskrepanz kommt auch auf der stilistischen
Ebene zum Vorschein, und zwar in den Worten, die gebraucht
werden, um den Einsatz des jungen Mannes zu werten: Die Tatsache,
daß er sich zu Tode stürzen soll, wird als "nicht
gerade angenehm" (6) bezeichnet, aber auch sofort mit der
Bezahlung rationalisiert (8). Die Zeitungsreporter fragen, ob
er es "denn nicht unangenehm" finde, sein Leben dafür
zu lassen (15), worauf er erwidert "ich habe auch selbst
daran gedacht" (17). Da nirgends hervorgeht, daß diese
Äußerungen in dem Text, d. h. also von ihren
imaginären Darstellern, humoristisch oder ironisch gemeint
sind, müssen wir sie nach dem Maximalprinzip als adäquat
verstehen: Das bedeutet, daß in der Gesellschaft, in der
sich die Geschichte abspielt, diese Äußerungen als
die für die Situation passenden anzusehen sind. Daraus geht
mit aller Deutlichkeit hervor, daß etwas in der beschriebenen
Gesellschaft nicht stimmt. Einerseits wird von einem willensstarken
und gesunden Ideal gesprochen, andererseits wird der Tod eines
Jünglings lediglich als für ihn nicht angenehm bezeichnet.
Diese Diskrepanz ist so auffällig, und die Absurdität
der ganzen Geschichte durch das eiserne "Normalverhalten"
der Einwohner so stark ausgedrückt, das es sehr wahrscheinlich
ist, daß damit etwas für die Interpretation sehr Wesentliches
vorliegt.
Die Regel der Wahrheit ist in der fiktiven Literatur durch eine
der Wahrscheinlichkeit ersetzt. Jene ist aber hier eindeutig außer
Kraft gesetzt. Hier wird - scheinbar eine Gesellschaft mit einer
von der unseren völlig abweichenden Moral dargestellt. Der
Leser muß sich deswegen hier fragen, ob sich zwischen dem
Text und unserer Wirklichkeit überhaupt eine Verbindung herstellen
läßt und ob die Stadt etwa eine ganz fremde , total
fiktive Gesellschaft mit einer ganz eigen en Moral darstellt .
Wenn dies so wäre, was wäre dann der Zweck der Geschichte?
Reine Unterhaltung? Für die interpretative Stilistik wird
mit einer solchen Antwort die Frage aktuell, ob dieser Redezweck
nicht effektiver geleistet werden könnte. Vor allem wird
man sich darüber Gedanken machen, daß der Verfasser
so ostentativ gegen die Regel 5 verstößt, die uns vorschreibt,
die Aussage so klar und eindeutig zu machen wie es der Redezweck
erfordert. Da uns der Text verwirren muß, hätte diese
Regel den Verfasser gezwungen, einen Kommentar zu liefern. Mit
Kommentaren zu dem Geschehnis ist aber der Verfasser bzw. Erzähler
sehr sparsam: er erzählt nur die "Story" (1-2,
9-11, 19-22, 28-33, 40). Die Kommentare werden so gut wie ausschließlich
von den Einwohnern geliefert, hauptsächlich in der Technik
der "erlebten Rede".
Man könnte vielleicht doch meinen, der Text stelle eine Moralität
dar: die Enttäuschung über die Vorführung hätte
den Einwohnern der Stadt zu einer besseren Moral verholfen. Die
Empörung über die Veranstaltung ist allerdings sehr
gedämpft. Man ist enttäuscht, weil der junge Mann "sich
ja doch nur [!] zu Tode gestürzt" hat (36). Und wie
schon bemerkt, wird das Erlebnis in Relation zu den Kosten gesetzt:
"Es war schon teuer bezahlt für etwas, das vergleichsweise
so einfach war" (37).
Interessant ist hier auch die semantische Analyse des Satzes:
"Er war bestimmt fürchterlich zugerichtet worden, aber
was hatte man schon davon?" (38), wo das adversative aber
den Kontrast zwischen einer Erwartung und ihrer Erfüllung
ausdrückt. Da das letzte Glied offenbar negativ ist, muß
das erste positiv gemeint sein, was zu denken gibt! Schließlich
findet sich auch am Ende des Texts ein für unsere Gefühle
allzu gedämpfter Grad der Entrüstung: Durch das eigentlich
(41) und den Ausdruck "wenn man richtig darüber
nachdachte" (43) wird der Empörung völlig die Spitze
genommen! Wir können den Text also nicht als eine Moralität
deuten. Das auffallende Fehlen eines Erzählerkommentars gibt
uns einen letzten Anstoß, nach einem anderen und tieferen
Sinn dieser Geschichte zu suchen.
Unser vergebliches Bemühen, den Text sinnvoll zu interpretieren,
wird uns entweder dazu führen, ihn als völlig absurd
zu beurteilen, oder den letzten Schritt zu wagen und vom Ausgangspunkt
der empfundenen Diskrepanz zwischen unserer Moral und derjenigen
der Einwohner der Märchenstadt her nicht den Text, sondern
unsere Wirklichkeit - oder besser unsere Vorstellung von der Wirklichkeit
- in Frage zu stellen.
Die weiteren Einzelheiten der Interpretation werden hier wie immer
von dem konkreten Textinhalt und der kommunikativen Situation
(u. a. dem Erwartungshorizont) abhängig sein. Sie seien dem
Leser überlassen.23 Die hier dargestellte Methode zielt darauf
ab, eine allgemeine Strategie herzustellen, um in den hermeneutischen
Zirkel überhaupt - und möglichst systematisch - hineinzukommen.
Sie baut auf einer pragmatischen Kommunikationstheorie mit deutlichen
stilistischen Implikationen auf. Sie wird gewiß noch weiter
zu entwickeln sein; auch wird nicht jeder Text sich ebenso exemplarisch
zur Demonstration verwenden lassen. Doch scheint sie mir sinnvoll
als eine kohärente Methode, mit deren Hilfe sich der erste
Schritt der Interpretation tun läßt.
Anhang
Pär Lagerkvist: Der Tod eines Helden
In einer Stadt, wo man nie genug Vergnügungen bekommen
konnte, hatte ein Konsortium einen Mann engagiert, der oben auf
der Kirchturmspitze auf dem 2 Kopf balancieren, danach hinunterfallen
und sich zu Tode stürzen sollte. Dafür 3 sollte er 500.000
bekommen. Man interessierte sich in allen Gesellschaftsschichten,
allen Kreisen lebhaft für dieses Unternehmen, die Eintrittskarten
waren in 4 wenigen Tagen vergriffen, und man sprach über
nichts anderes. Alle fanden, daß 5 es sehr verwegen sei.
Aber man mußte ja auch bedenken, daß der Preis danach
6 war. Es war wohl nicht gerade angenehm, hinunterzufallen und
sich zu Tode zu 7 stürzen, und noch dazu aus solcher Höhe.
Aber es mußte ja auch zugegeben wer8 den, daß die
Bezahlung reichlich war Das Konsortium, das alles arrangiert hatte,
hatte es an nichts fehlen lassen, und man konnte stolz darüber
sein, da8 so etwas in der Stadt zustande gebracht werden konnte.
Natürlich wurde die Aufmerksamkeit auch in hohem Grade auf
den Mann gerichtet, der es übernommen hatte, die Sache auszuführen.
Die Zeitungsreporter stürzten sich mit brennenden Eifer auf
ihn, denn es waren nur noch wenige Tage bis zur Vorführung.
Er empfing sie wohlwollend in seinen beiden Zimmern im vornehmsten
Hotel der Stadt. Tja, für mich ist das ganze ein Geschäft,
sagte er. Man hat mir die Summe angeboten, die Sie kennen, und
ich habe das Angebot angenommen. Das ist alles. - Aber finden
Sie es denn nicht unangenehm, daß Sie Ihr Leben dafür
lassen müssen? Man versteht ja, daß es notwendig ist,
denn sonst wäre es ja keine große Sensation und das
Konsortium könnte nicht so bezahlen wie abgemacht, aber für
Sie persönlich kann es doch nicht angenehm sein. - Ja, Sie
haben schon recht, und ich habe auch selbst daran gedacht. Aber
was muß man nicht alles fürs Geld tun? 19 Auf Grund
dieser Äußerungen wurden in den Zeitungen lange Artikel
über den bisher unbekannten Mann geschrieben, über seine
Vergangenheit, seine Ansichten, seine Einstellung zu verschiedenen
akuten Problemen, seinen Charakter und 20-21 sein Privatleben.
Sein Bild war in jeder Zeitung, die man aufschlug. Es zeigte einen
kräftigen jungen Mann, sonderlich bemerkenswert sah er nicht
aus, aber verwegen und gesund, mit einem energischen, offenen
Gesicht, ein typischer Vertreter der besten Jugendlichen von heute,
willensstark und gesund. Es wurde in allen Cafés studiert,
während man sich auf die bevorstehende Sensation vorbereitete.
23 Man fand es nicht schlecht, ein sympathischer junger Mann,
die Frauen fanden ihn wunderbar. 24 Einige, die mehr Verstand
hatten, zuckten mit den Schultern: geschickt gemacht, sagten sie.
25 Über eines waren sich alle gleichermaßen einig,
wie phantastisch und eigenartig diese Idee war und daß so
etwas nur in unserer merkwürdigen Zeit vorkommen könnte
mit ihrer Hetze und Intensität und ihrer Fähigkeit,
alles zu opfern. 26 Und man war sich darüber einig, daß
das Konsortium über alles zu loben sei' weil es keinen Kosten
scheute, als es darum ging, etwas Derartiges zustande zu bringen
und der Stadt tatsächlich Gelegenheit zu geben Zeuge eines
solchen Schauspiels zu sein. 27Das Konsortium würde seine
Ausgaben wohl sicherlich durch die teuren Eintrittspreise decken
können, aber das Risiko bestand in jedem Fall. 28 Und endlich
kam der große Tag. 29 Die Umgebung der Kirche war brechend
voll. 30 Die Spannung war unerhört. 31 Alle hielten den Atem
an, angespannt bis zum Äußersten in Erwartung dessen,
was geschehen sollte. 32 Und der Mann fiel hinunter, das war schnell
getan. 33 Die Menschen schauderten, und man stand auf und begab
sich auf den Heimweg. 34 Irgendwie fühlte man sich enttäuscht.
35 Es war schon großartig gewesen, aber dennoch. 36 Er hatte
sich ja doch nur zu Tode gestürzt. 37 Es war schon teuer
bezahlt für etwas, das vergleichsweise so einfach war. 38
Er war bestimmt fürchterlich zugerichtet worden, aber was
hatte man schon davon? 39 Ein hoffnungsvoller junger Mann auf
diese Weise geopfert. 40 Man ging unzufrieden nach Haus, die Damen
spannten ihre Sonnenschirme auf. 41Nein, solche Scheußlichkeiten
vorzuführen, sollte eigentlich verboten sein. 42 Wer könnte
Vergnügen daran finden? 43 Wenn man richtig darüber
nachdachte, war das Ganze ja doch empörend.
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Fußnoten
1 Das Problem ist nämlich:
A: Alles, was wir perzipieren, wird als Abweichung von etwas anderem
überhaupt erst erfaßt.
B: Alles, was einen Text von einem anderen unterscheidet, werden
wir nicht als Stil bezeichnen wollen. Der Unterschied zwischen
einem Sprachfehler und einem stilistischem Merkmal ist theoretisch
schwer zu fassen (Spillner, 1974, S. 39), da er von unserer Beurteilung
der Intention des Sprechers bzw. Schreibers abhängt: ein
absichtlicher "Fehler" wird nämlich als Stilmerkmal
interpretiert.
C: Wenn Stil als Abweichung von einer textuellen Norm definiert
werden soll, entsteht das große Problem, diese Norm zu definieren
(Enkvist, 1973, S. 21ff., 145).
Es ist offensichtlich, daß, wenn wir alles, was sich bei
einem Vergleich zwischen dem Text im Telefonbuch und dem Heidenröslein
als "Unterschied" ergibt, als Stil bezeichneten,
der Stilbegriff viel zu weit und vage würde. Ebenso wird
es uns sehr schwerfallen, beim Vergleich zwischen dem ersten und
dem zweiten Band unseres Telefonbuches stilistische Beobachtungen
zu machen. Um also die Norm adäquat wählen zu können,
müssen wir eine Stildefinition a priori benutzen, und damit
wird ja die sogenannte Stildefinition im Zirkel vollzogen. (Sie
wirkt sich auch als solche aus in den Arbeiten, in denen der Verfasser
behauptet, er schließe sich an eine Deviationsdefinition
an, wo aber doch von a priori stilistisch mehr oder weniger relevanten
Elementen gesprochen wird: z. B. Enkvist, 1973, S. 121; Marx-Nordin,
1979, S. 11).
Trotz alledem ist der Begriff der Abweichung für die Stilistik
relevant: die Rhetorik kennt z. B die Kategorien der adiecto,
detractio, immutatio und transmutatio, d. h. daß
etwas dazukommt, fehlt oder verändert dargestellt wird, z.
B. als Metapher oder Metonymie, oder daß die Ordnung, d.h.
die Komposition verändert ist, im Satz oder im Text.
Diese Begriffe praesupponieren eine Norm, von der abgewichen werden
kann.
Diese Norm kann aber nicht in Termen von Texten formuliert
werden (wie es die sog. Stildefinitionen im allgemeinen voraussetzen)
sondern muß in Termen eines Regelsystems definiert werden.
2 Meine Darstellung baut außer auf dem unten genannten
Aufsatz von Grice (1975) hauptsächlich auf zwei schwedischen
populärwissenschaftlichen Arbeiten auf: Andersson/Furberg
(1972) und Ryding (1971).
3 Ich schließe mich hier Eco an, der in seinem Kommunikationsmodell
(1976, S. 141) mit Text erst den interpretierten Sinn des
"Texts" bezeichnet. Was wir gemeinhin Text nennen,
trägt hier den Namen "Message as source of information":
Figur die sich nicht scannen lässt!
Über den Textbegriff siehe auch Plett (1975), vor allem Kap.
2, Der Objektbereich "Text", S. 16ff.
4 Mit Bedeutung meine ich lexikalische Bedeutung, mit
Sinn die Bedeutung und Funktion in einem konkreten Kontext.
Wenn ein Wort in einem ironischen Kontext vorkommt, verändert
sich also sein Sinn, nicht aber seine Bedeutung. Diese Terminologie
unterscheidet sich zwar von etlichen Definitionen in der semantischen
Literatur, entspricht aber wohl dem alltäglichen Gebrauch
dieser Termini.
5 Sanders ( 1973, S., 35) spricht von der "fast bewundernswerte[n]
Unmethodik einer jeden literatur-orientierten Stiltheorie [. .
.]. Man bedient sich [. . .] nämlich zur Erklärung eines
an sich schon schwierigen Sprachphänomens ausgerechnet dessen
kompliziertester Realisierung[. . .]"
6 Über verschiedene Arten der Stilforschung, siehe Cassirer,
1975.
7 Das Beispiel sowie die Regel habe ich Ryding entnommen.
8 Die Regel, wie sie hier formuliert ist, ist eine Kombination
von Nowell-Smith (1954, 8.
82): "What a speaker says may be assumed to be relevant to
the interest of his audience" und der Maxime von Grice (1975,
S. 46): "Be relevant". Grice spricht in dem Zusammenhang
zwar nicht über den Redezweck oder über das gemeinsame
Ziel der Konversation; aber da die Regel sonst, wie Nowell-Smith
(1954, S. 82) bemerkt "unfortunately [ . .] is also the most
frequently broken. Bores are more common than liars or careless
talkers", muß der Redezweck zugefügt werden. Für
die ideale Kommunikation ist sicher das Prinzip der Kooperation,
wie Grice meint, eine Voraussetzung. Viele Leute reden aber nicht
um zu informieren, sondern nur um von dem sprechen zu können,
was sie im Augenblick bekümmert. Oder bilden sich so viele
Menschen wirklich ein, ihre detailierten Berichte über ihre
Krankheiten usw. könnten jemand anders überhaupt interessieren?
9 Von der performativen Funktion kann hier abgesehen werden.
10 Von dieser theoretischen Komplikation sieht Grice ganz ab Das
Problem des vom Sprecher gewünschten Verstehensmodus wird
von Grosse (1976) eingehend behandelt.
11 Nach Ryding (1971).
12 S. Plett (1975), Abschnitt 3.1.3; vor allem die Diskussion
über den Versuch Harwegs, eine Theorie der Textkohärenz
zu formulieren, die u. a. auf Implikationen bernht (S. 65ff.).
Der textimmanente Relevanzbegriff ist offenbar mit dem Kohärenzbegriff
verwandt, vielleicht sogar identisch. Der Kohärenzbegriff
wird von gewissen literarischen Hermeneutikern als einziges und
endgültiges Interpretationskriterium angesehen (Richard,
1961, S. 36).
13 "When a speaker uses a sentence to make a statement, it
is contextually implied that he be lieves it to be true"
(Nowell-Smith, 1974, S. 81). Man beachte hier den Ausdruck "to
make a statement": bei Sätzen, die nicht den Status
von "statement" haben, gilt diese Regel nicht. In der
Rhetorik scheint die Wahrheit selbst keine ebenso wichtige virtus
zu sein wie das veri simile (Lausberg, 1960, S. 168).
Über die Forderung der Wahrscheinlichkeit in der fiktiven
Literatur vgl. unten und Anm. 15.
14 Z.B. die Analyse von ,Rotkäppchen' bei Fromm (1951).
15 Die textimmanente Forderung an Kohärenz scheint einer
pragmatischen Forderung an Kohärenz zwischen dem Erwartungshorizont
(oder der Erfahrung) des Lesers und den inhaltlichen Faktoren
des Text zu entsprechen.
16 Das entspricht in der Rhetorik ganz genau den Forderungen,
die unter Termini wie narratio brevis, quantum satis und
quantum opus est ausgedrückt sind (Lausberg, 1960,
S. 168ff.).
17 In einem Aufsatz über ,Pygmalion' und Shaws Nachwort zu
dem Stück habe ich dieses Problem besprochen (Cassirer 1981).
18 Die perspicuitas Quintilians (mit mehreren andern Namen)
(Lausberg, 1960, S. 177).
19 Das taedium der Rhetorik (Lausberg, 1960, S. 152).
20 Diese Regeln sind in der klassischen Rhetorik bis in die kleinsten
Einzelheiten besprochen. Die Rhetoriker und auch die modernen
Philosophen sehen das Problem konsequent aus der Perspektive des
Redners beziehungsweise Textproduzenten. Die Stilistik (insofern
wir hier nicht die normative meinen) sieht den Text aus der Perspektive
des Lesers. Dadurch entsteht das Problem, die Intention des Verfassers
- also den Redezweck - zu rekonstruieren.
21 Nicht nur die Verletzung einer Regel, sondern auch ihre Verstärkung
wird in der Deviationsstilistik als Stilmerkmal bezeichnet (Plett,
1977, S. 134).
22 Die Einwohner der Stadt tun das Gegenteil dessen, man von ihnen
erwartet, und der Verfasser meint augenscheinlich etwas anderes,
als er explizit sagt, was beides den Eindruck einer ironischen
Haltung zur Folge hat (vgl. Berg, 1978). "Darin eben liegt
der verführerische Reiz der ironischen Sprechweise, daß
sie anderes und mehr durckblicken läßt, als was sie
buchstäblich sagt" (Allemann, 1970, S. 16).
23 Eine vollständigere Analyse liegt auf Schwedisch vor (Cassirer,
1974).