FALSTAFF am Stora TeaternGöteborg 1993. Aus der OPERNWELT |
Nicht nur die Frauen sind im Windsor von Göteborg lustig
Dem echten Connaisseur fehlen vielleicht einige Einzelheiten in der Partitur und sicher auch Détails in den solistischen Interpretationen, aber der Liebhaber, der nicht vergleichen will mit allen den Aufnahmen der Oper über die Thomas Voigt im Aprilheft der Opernwelt berichtet, wird von der Verve und Intensität mit der Robin Stapelton das Orchester und die Sänger anfeuert ganz und gar hingerissen. Stapelton geht es nicht in erster Linie um Exaktheit im Zusammenklingen zwischen Graben und Bühne sonder um dynamisches Musizieren. Also konnte man in den ersten Akten manche kleinere Ungleichmässigkeit beobachten; die abschliessende grosse Fuge allerdings gelang ganz und gar perfekt.
Ebensowenig wie die Partitur dieser Oper ein Stillstehen erlaubt, ebensowenig tut es der Text - diesmal wird zum ersten mal in Göteborg auf Italienisch mit Surtitles gesungen. Daß nicht alle im Ensemble die italienische Aussprache tadellos beherrschen muss wohl geduldet werden; schlimmer steht es leider mit dem vokalen Einsatz. Dies wird ungerecht deutlich bei dem Vergleich mit dem gastierenden Ingvar Wixell in der Titelrolle. Mit seiner Bühnenpräsenz beherrscht er jede Situation - auch wenn er es dem Libretto nach eigentlich nicht tun sollte; sein Bariton ist makellos ausgeglichen und klingt ebenso warm und schön sei es imoder im Fortissimo, in der Höhe oder in der Tiefe . Diese Wärme behält er auch im Charakter: sein Falstaff ist etwas zu gutmütig und nicht ganz so verderbt um sich der grausamen Rache der munteren Frauen verdient gemacht zu haben.
Daß in einem Provinztheater die Tenöre nicht gerade an dem Baum wachsen ist verständlich, daß aber für Ford und Pistola nicht genügende Kräfte zu meistern waren stimmt jedoch mit Hinsicht auf die dreimal größere neuen Oper, die in einem Jahr das alte Stora Teatern ersetzen soll, zu gewissen Dubien. Es ist übrigens nicht mer leicht die vokale Qualitäten objektiv zu bewerten, da im Theater eine akoustische Verstärkungsanlage installiert ist um den Nachklang zu verlängern, die aber auch einige Decibel verstärkt, was besonders im Forte in den hohen Lagen der Sopranistinnen ziemlich schlimme Wirkungen hat.
Die junge amerikanische Regisseurin Francesca Zambello, die im vorigen Herbst ihr Metropolitan-Debüt mit Lucia di Lammermoore machte und vor nicht langem Bellinis Il Pirata in Zürich inszenierte, zielt darauf nicht nur den Lebensgenießer Falstaff sonderna alle personae dramatis in dem Maskenspiel zu entlarven: die Frauen Ford und Page sind piquiert nicht der schamlosen Werbung wegen, sondern weil sie Briefe mit identischem Inhalt bekommen. Vielleicht kann das erklären warum sie ihre Wut auf Falstaff auf seinen dicken Leib projizieren. Die Eifersucht Fords könnte allerdings wohl berechtigt sein, wären nur die Umstände andere. Ganz und gar ohne Schuld ist nur das junge Paar Nanetta und Fenton - was ja auch deutlich aus der Musik hervorgeht.
Francesca Zambello verzichtet auf jeden Kolorit der Tudor-Zeit und lässt das Spiel in einem internationalen Stil der commedia dell'arte vorsichgehen. Auch die Szenografie der engländerin Alison Chitty ist zeitlos; sie macht keinen Versuch die Stimmung eines 15. Jahrhunderts zu illudieren. Die Dekorationen bestehen aus ganz schlichten Balken und Setzstücken die mer andeuten als aussagen: drei Türen symbolisieren die Häuser den munteren Frauen, das Wirtshaus besteht aus einem einzigen Tisch. Auch wenn die Kostüme an die autentische Zeit von Sir John erinneren so besteht kein Zweifel daran daß auch wir im Publikum mit den Schlußworten "Tutto nel mondo è burla" betroffen sind und wir verlassen die Vorstellung mit einem großen, warmen Lächeln. Obgleich einzelne Leistungen nicht Spitze sind feiert das gesamte Ensemble nicht um so weniger einen Triumf.
VERDI: FALSTAFF. Premiere am Stora Teatern in Göteborg (Schweden) am 3. April. Musikalische Leitung: Robin Stapelton, Inszenierung: Francesca Zambello, Bühnenbild und Kostüme: Alison Chitty, Licht: Stefan Lundgren, Solisten: Ingvar Wixell (Falstaff), Palle Hansen (Ford), Iwar Bergkwist (Fenton), Gösta Zachrisson (Dr Cajus), Sten Pernmyr (Bardolfo), Peter Loguin (Pistola), Birgit Louise Frandsen (Mrs Alice Ford), Carolina Sandgren (Nanetta), Suzanne Brenning (Mrs Quickly), Marie-Louise Hasselgren (Mrs Meg Page), Lars-Henry Larsson (Wirt).